DIE ZEIT: Warum müssen wir uns um Afrika kümmern?

Paul Collier: Weil es eine Tragödie ist, dass eine Milliarde Menschen in Staaten beheimatet sind, die ihren Bürgern kein anständiges Leben ermöglichen. Das ist mit der Menschenwürde nicht vereinbar.

ZEIT: Die Bundesregierung hat Sie als Berater für ihre neue Afrikapolitik engagiert. Haben Sie sich über diesen Auftrag gefreut?

Collier: Deutschland hat international eine sehr hohe Glaubwürdigkeit und bringt bei dem Thema eine Ernsthaftigkeit mit, die vielleicht bisher gefehlt hat. Man hat mich gefragt, ob ich helfen will, und ich mache das gerne, weil ich glaube, dass wir etwas bewirken können.

ZEIT: Sie haben Angela Merkels Flüchtlingspolitik kritisiert. Jetzt arbeiten Sie mit ihr zusammen.

Collier: Ich bin einfach nicht davon überzeugt, dass wir die Probleme Afrikas lösen können, indem wir Afrika entvölkern und die Leute nach Europa holen. Es gehen in der Regel die Aktiven und Kreativen – und gerade sie werden in den eigenen Ländern gebraucht. Umso mehr freut es mich, dass die deutsche Regierung nun bei den Fluchtursachen ansetzen will.

ZEIT: Warum glauben Sie, dass das funktionieren kann? Es ist schließlich nicht der erste Versuch, die Armut in Afrika zu besiegen.

Collier: Wir können aus den Fehlern der Vergangenheit lernen. Es war ein Fehler, den afrikanischen Regierungen vorschreiben zu wollen, was sie tun sollen. Sie können niemandem zu seinem Glück zwingen. Das funktioniert nicht. Und es war ein Fehler, dass wir uns stark auf soziale Belange konzentriert haben. Das gilt besonders für die Hilfsorganisationen. Sie wollen Kindern ein Lächeln ins Gesicht zaubern und solche Dinge.

ZEIT: Was ist daran schlecht?

Collier: Ich habe nichts gegen lächelnde Kinder. Aber wenn wir den afrikanischen Regierungen die Verantwortung dafür abnehmen, die Bevölkerung mit vernünftigen Schulen und Häusern zu versorgen, dann werden sie in der Bevölkerung nie den Rückhalt bekommen, den sie brauchen, um ihre Länder voranzubringen.

ZEIT: Was wollen Sie anders machen?

Collier: Der Schlüssel sind die Unternehmen. Die meisten Hilfsorganisationen mögen keine Unternehmen, schon gar keine ausländischen Großkonzerne. Doch mit den Unternehmen kommt der Wohlstand. Sie sind ein Motor des Fortschritts und können weitreichende gesellschaftliche Veränderungen auslösen. Genau so war es übrigens auch in China.

ZEIT: Warum ist das so?

Collier: Wir haben dazu Untersuchungen gemacht: Firmen mit 50 Mitarbeitern sind ungefähr zehnmal so produktiv wie Kleinbetriebe mit vier Beschäftigten, weil sich die Arbeitnehmer auf bestimmte Tätigkeiten spezialisieren können. Wenn Afrika wirtschaftlich aufholen soll, sind über einen längeren Zeitraum hohe einstellige Wachstumsraten nötig. Das bekommen wir nicht hin, wenn wir die Leute mit Kleinkrediten fördern, damit sie am Straßenrand Körbe flechten.