Petra Bahr leitet die Abteilung Politik und Beratung der Konrad-Adenauer-Stiftung. In ihrer Kolumne geht sie der großen Politik im Alltag auf den Grund. © Kulturrat der EKD

Wenn morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen. Dieser Satz wird Martin Luther zugeschrieben. Ob er ihn je gesagt hat? Keiner weiß es. Dem Satz geht es so wie dem Hammerschlag, der die Wittenberger morgens aufgeschreckt haben soll, weil Luther seine Thesen an die Kirchentür nagelte. Hat er tatsächlich oder hat er nicht? Legenden schieben sich über Tatsächliches oder über das, was niemand so genau weiß. Was genau ein Mann vor 500 Jahren gesagt und getan hat, kann kein noch so akribischer Historiker mehr ganz genau herausfinden. Das macht aber gar nichts. Denn es gibt genug hieb- und stichfest Überliefertes von Luther, das Anlass gibt, Luther einen so prägnanten Satz in den Mund zu legen. Die Haltung ist es, auf die es ankommt.

Wer Martin Luther liest, stößt auf viel Fremdes aus einer versunkenen Welt. Mehr Mittelalter, als es das große Jubiläum vermuten lässt. Doch wesentliche Einsichten sind so aktuell, dass sie einem direkt ins Auge springen: Luther lebt im Zeitalter der Angst. Die Menschen fürchten einen zornigen Gott, Naturkatastrophen, Missernten, Kometen, die vom Himmel stürzen, und Rotten, die die Stadt überfallen. Die Türken liegen vor Wien, und in den Kloaken warten Ratten, die böse Krankheiten übertragen.

Das gesellschaftliche Klima, in dem der kleine Luther aufwächst, ist nicht von religiöser Heiterkeit geprägt, weil damals noch alles und jedes vom Christentum geprägt ist. Der Apfelbaum-Satz von Martin Luther, sollte er ihn gesagt haben, bündelt eine Haltung, die er mühsam und gegen den Zeitgeist erworben hat. Irgendwann fällt es ihm wie Schuppen von den Augen: Sowenig man Gott durch gute moralische Leistungen zur Milde überreden kann, weil Gott sowieso schon einen liebevollen Blick auf die Menschen hat, so wenig muss man sich mit Inbrunst und Angstlust um das Ende der Welt kümmern. Das ist Gottes Sache. Apokalyptiker und Welteindunkler, die Drohkulissen aufbauen, passen nicht zum Geist des Evangeliums.

Zuversicht ist die Haltung, die Luthers Leben prägt. Es ist eine trotzige Zuversicht – den Ängsten, Zweifeln und düsteren Stunden abgerungen, die Weltuntergänge nahelegen. Die Reformation war keine Fortschrittsgeschichte mit theologischer Begleitung. Sie war eine zutiefst verunsichernde Bewegung, die jederzeit in Tod und Gewalt hätte umschlagen können. Luther ahnte das. Und irgendwann sollte es ja dann auch so kommen, später, im Dreißigjährigen Krieg, als Christen gegen Christen ins Feld zogen. Einen Apfelbaum pflanzen, das ist ein Bekenntnis zur Geduld, zum Wartenkönnen auf bessere Tage und zur Freude am Genuss, ein Bekenntnis zum Sinn für die ganz kleinen Verheißungen und ein starkes Bekenntnis zum Leben, das nur Gott in der Hand hat.