Politiker reden über Populismus oft wie über ein Virus. Man könne sich anstecken, warnen sie. Angstmacherei übertrage sich wie ein Erreger; sobald im Parlament, auf einem Podium oder in einer Talkshow einer damit anfange, setze das seine Konkurrenten unter Druck, sich ähnlich zu verhalten. Auch Sozialpopulismus verbreitet sich nach dieser Logik wie eine Epidemie: Verspricht einer zehn Euro Wohngeld, kündigt die Konkurrenz zwangsläufig zwanzig an. Manche Politiker klingen, als gäbe es aus solchen Überbietungswettbewerben kein Entkommen. Ein wirksames Gegenmittel gibt es offenbar noch nicht.

Die Rentenpolitik könnte ein Beispiel dafür werden, dass manchmal auch andere Mechanismen wirken: Die Angst vor Populisten zwingt die Etablierten womöglich zu mehr Vernunft.

Eigentlich hatten sich Union und SPD schon auf einen Rentenwahlkampf eingestellt. Die SPD und vor allem die CSU wollten Wähler mit einer Korrektur früherer Reformen gewinnen. Kurz nach der Jahrtausendwende hatte die Regierung von Gerhard Schröder Gesetze beschlossen, die künftige Rentner schlechterstellen.

Es handelte sich um eine historische Ausnahmesituation: Eine Politikergeneration fasste damals Beschlüsse gegen ihre eigenen Interessen. Sie machte Politik für ihre Kinder oder zumindest für die nachwachsende Generation.

In kaum einem anderen Industrieland wurde das gesetzlich garantierte Rentenniveau so stark gesenkt. Das wird zwar nicht, wie gelegentlich gewarnt wird, zur massenhaften Verarmung der Älteren führen. Aber alle, die nicht erben, nicht privat vorgesorgt haben und nicht länger arbeiten, werden sich bescheiden müssen, und zwar stärker als frühere Generationen von Rentnern. Das wird gerade vielen Menschen klar. Und es passt vielen nicht.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 43 vom 13.10.2016.

Horst Seehofer und Sigmar Gabriel sind Politiker, die wissen, wie man aus solchen Stimmungen Wählerstimmen machen kann. Die Parteichefs von CSU und SPD wollten zwar gegeneinander Wahlkampf führen, aber sie setzten auf das gleiche Thema: Angst vor Altersarmut. Die Gewerkschaften unterstützen diesen Kurs mit einer deutschlandweiten Kampagne. Beide, Seehofer und Gabriel, wollten sich verabschieden vom altruistischen Reformkurs und mit Milliardenversprechen für die Rentner von morgen in den Wahlkampf ziehen. Als ihre Parteien 2013 die Mütterrente für ältere Frauen und die Rente ab 63 für ältere Beschäftigte versprachen, hat das schon einmal hervorragend funktioniert. In Berlin und in München wird daher gerade in vielen großen und kleinen Zirkeln und Kommissionen über das größte deutsche Sozialsystem diskutiert und nachgedacht. Das Zeitalter des Renten-Altruismus schien vorbei.

Doch nun ändert die Angst vor den Sozialpopulisten bei der Linken und vor allem bei der AfD die strategischen Überlegungen. In beiden Regierungsparteien breitet sich die Sorge vor einem teuren Überbietungswettbewerb zulasten der jüngeren Generation aus. Als sich vergangene Woche die Spitzenvertreter der Regierung im Koalitionsausschuss versammelten, warben plötzlich mehrere dafür, gemeinsam eine Reform auf den Weg zu bringen. Selbst Politiker, die gern Reformen gegen Altersarmut machen würden, fürchten sich davor, im Wahlkampf mit Populisten um die Gunst alter Wähler zu konkurrieren, und wollen möglichst viele gemeinsame Beschlüsse fassen. Parteistrategen, von denen einige in Gedanken schon Rentenplakate für den kommenden Herbst entwarfen, planen um. Keiner will sich zu sehr mit dem Populismus-Virus infizieren.

Das ist eine gute Nachricht. Nicht nur für die jüngeren Beitragszahler, sondern auch für diejenigen, die im Alter wirklich schwere Zeiten vor sich haben. Das sind vor allem Menschen, die wegen ihrer Gesundheit früher in Rente gehen müssen, Geringverdiener, ein Teil der Selbstständigen. Sie können nur mit Argumenten für sich werben. Ihnen geht es wie den Jungen, die den Rentnern zahlenmäßig unterlegen sind und die seltener wählen als die Alten: Sie brauchen eine Reform, die nicht nur Stimmen maximiert.

Andrea Nahles hat dafür Voraussetzungen geschaffen. Die Frau, die 2013 SPD-Generalsekretärin war, also Wahlkampfmanagerin ihrer Partei, hat Zahlen vorgelegt, die hilfreich sind für eine ernsthafte Diskussion. Nahles hat Wissenschaftler ausrechnen lassen, wie die Versorgung der Alten von 2030 an aussehen wird. Bisher wurde immer nur bis zu diesem Jahr gerechnet. Dadurch sah die Lage der künftigen Alten in den offiziellen Berichten immer etwas zu rosig aus.

Rentenpolitik ist eigentlich kein Feld, das Politiker zu Ehrlichkeit und Konsenssuche motiviert. Die Rente ab 67 wurde 2005 nicht vor der Wahl angekündigt, dann aber kurz danach eingeführt (und von der verantwortlichen Kanzlerin als SPD-Idee verkauft). Die rot-grüne Regierung ließ sich wählen mit dem Versprechen, die Rentenreform von Helmut Kohl rückgängig zu machen – um kurz darauf härtere Maßnahmen einzuleiten. Die teure Mütterrente hat die Union 2013 erst auf den letzten Metern vor der Wahl entdeckt, die SPD hat mit der Rente ab 63 ihre Stammklientel erfreut. Beides zusammen stand für einen unglücklichen Start der großen Koalition. Ihr Ende könnte besser werden.