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DIE ZEIT: Sie sind 46 Jahre alt, verheiratet, haben zwei Kinder, eine Riesenvilla – aber Sie sind mit Ihrer Medienfirma Vice die Stimme der Jugend. Wie kann das sein?

Shane Smith: Ich habe schon 1994 das Magazin Vice in Kanada gegründet. Aber als wir später in die digitale Welt gingen, wurden wir über Nacht eine Marke für die Generation Y, die in den Achtzigern und Neunzigern geboren ist. Ich bin es nicht, der diese Leute angezogen hat. Es ist die Mehrheit unserer Autoren und Filmemacher, die deutlich jünger sind als ich. Sie machen Themen, die sie interessieren. So einfach ist es.

ZEIT: Wo liegt das Durchschnittsalter bei Vice?

Smith: 28.

ZEIT: Wie kann man das halten? Ihre Mitarbeiter werden schließlich auch jedes Jahr älter.

Smith: Derzeit wachsen wir sehr schnell und stellen viele neue Leute ein, die sind natürlich immer jung. Aber Sie haben recht. Wenn die Generation Y älter wird, werden wir mit ihr älter werden.

ZEIT: Sie beklagen sich gern darüber, dass Babyboomer die traditionellen Medien regieren. Was ist daran so schlimm?

Smith: Babyboomer sind dominant, weil sie die größte Gruppe sind. Sie dominieren nicht nur die Medien, sondern auch die Politik, die Wirtschaft. Donald Trump ist der letzte dieser ängstlichen Babyboomer in der Politik. Sie sagen: "Oh, die Welt verändert sich, und wir mögen keine Veränderungen." Aber es gibt auch Bernie Sanders, der einfach mal 75 Prozent Steuern in Amerika fordert.

ZEIT: Bernie Sanders ist aber auch nicht gerade Generation Y.

Smith: Ja, aber er steht für eine politische Veränderung in Amerika und in Europa, eine Veränderung durch die Jungen, die andere Themen, andere Präferenzen haben. Babyboomer haben sich in die Idee verbissen, dass alles am Arsch ist. Dabei wird die Welt immer besser. Wenn man sich die Armut anschaut oder Gesundheit oder Bildung – das wird alles besser. Außerdem ist jetzt die Zeit, in der wir entscheiden, auf welcher Seite der Geschichte wir stehen sollen: Soziale Gerechtigkeit, Umweltschutz, das alles wird jetzt neu verhandelt. Und wir versuchen, dabei zu sein.

ZEIT: Ein Thema ist dabei immer auch die Political Correctness. Geht Ihnen das nicht auf die Nerven?

Smith: Wir nennen es woke (übersetzt in etwa: aufmerksam, bedacht sein). Selbst wenn man nicht daran glaubt, dann muss man doch sagen, dass die jungen Leute daran glauben. Fragt man sie, wofür sie sich interessieren, dann steht Musik an Platz eins und Partys feiern ist auch wichtig, aber es folgen Umwelt und soziale Gerechtigkeit. Und irgendwo in den Top Ten kommen auch noch die Rechte von Schwulen, Lesben, Bi- und Transsexuellen. Wer die junge Generation erreichen will, der muss genau diese Dinge zum Thema machen. Es geht nicht nur um Weltveränderung. Es ist auch einfach ein gutes Geschäft.

ZEIT: Bei Vice gibt es online und im Fernsehen auch eine Show namens Weediquette, da geht es nur um Gras. Wozu braucht es so eine Sendung?

Smith: Das ist ein Thema, das junge Leute wirklich umtreibt. Viele finden, Marihuana sollte legalisiert werden. Es ist wie während der Prohibition. Aber die Babyboomer denken: Oje, Drogen, oh mein Gott. Dabei ist es so: Ein großer Anteil unserer Gefangenen sitzen wegen nicht gewalttätiger Drogendelikte im Gefängnis. Also für etwas, das in Zukunft vermutlich legal sein wird. Das ist doch absurd.