Hell und hoch steht die Sonne am Himmel über Abidjan, als der Sarg von Steve Gohouri über einen roten Samtteppich in die Kapelle von Ivosep getragen wird. Der Präsident der Elfenbeinküste hat seinen Sportminister zur Trauerfeier entsandt, der Fußballverband eine Delegation. Steven Ulrich Lohoré Gohouri, Nationalspieler seines Landes, 34 Jahre alt nur geworden, bekommt ein Staatsbegräbnis. Das ivorische Fernsehen übertragt live. Später, auf dem Friedhof, wird dem Vater, einem kleinen Mann mit Brille, das Trikot überreicht. 2008 hat er seinen Sohn das letzte Mal gesehen. Steve war ein guter Mann, presst ein ehemaliger Nationalspieler ins Mikrofon. Im Publikum steht ein Onkel auf, brüllt gegen die Gerüchte und Schlagzeilen an. Drogen? Das war nicht Steves Art! Schulden? Eine Million? Zwei sogar? Unmöglich! Selbstmord? Niemals!

Bundesligaprofi Steve Gohouri tot aufgefunden. Die Nachricht stand zu Jahresbeginn in deutschen, britischen, französischen, spanischen Zeitungen. Ertrunken im Rhein, das ist die Todesursache. Aber eine Ursache ist kein Grund und erst recht keine Erklärung. Warum starb Steve Gohouri? War Profifußball zu viel für Gohouri? Bei der Beerdigung in Abidjan lehnt ein gerahmtes Foto am Sarg. Ein Junge ist darauf zu sehen, mit Segelohren, Fliege und Strickjacke. Steve, aufgewachsen in Treichville, einem Vorort von Abidjan, kleines Haus an der staubigen Straße, die Familie nicht arm und nicht reich, der Vater Major bei der Luftwaffe. Als sich die Eltern trennen, nimmt ihn die Mutter mit nach Frankreich, Saint-Michel-sur-Orge, südwestlich von Paris. Plötzlich Europa, grüne Wiesen, Wald, Bäche.

Mit 13 Jahren fängt Steve im Verein CS Bretigny an. Ein Teenager, der wie so viele davon träumt, Fußballstar zu werden. Er schafft es auf das Internat des Eliteclubs Paris Saint-Germain. Über Umwege landet der Junge aus Treichville schließlich in Liechtenstein. Vaduz. Ein paar Kirchen, Burgen und Häuser, hineingewürfelt ins Rheintal. 2003 unterschreibt Gohouri hier, längst eine Mauer von Mann, 1,87 Meter Muskeln. Die Stürmer prallen am neuen Innenverteidiger ab. Doch von Anfang an reicht Gohouri die zweite Schweizer Liga nicht aus. "Vielleicht war das dem Steve zu klein bei uns", überlegt Franz Burgmeier. Er war Gohouris bester Freund im Team. "Wenn wir länger freibekamen, ist er sofort ab nach Zürich oder Paris." Gangsterrap im Auto, weite Hosen, ständig neue Sneaker. Gohouri findet die wenigen Bars des Zwergstaats, immer nach den Spielen und irgendwann auch davor. "Aber was willst du tun, wenn so einer trotzdem zwei Tore schießt?", fragt Burgmeier.

Dann sagt er noch einen Satz, den man oft im Fußball, aber besonders oft über Gohouri hört: "Der Kontakt riss dann schnell ab." Fußball ist ein Geschäft. Der wichtigste Mensch im Leben eines Profis ist sein Berater. Normalerweise beschäftigt ein Fußballer im Laufe seiner Karriere einen, vielleicht zwei solcher Manager, die das Finanzielle regeln, die um Gehälter feilschen, aber auch Babysitter sind. Bei Gohouri werden es am Ende sieben oder acht gewesen sein. Er wechselt sie so schnell wie seine Vereine. Gohouri sei unsicher gewesen, ein Typ, der einen Mentor gesucht habe, erinnert sich einer seiner ersten Agenten, Christoph Graf. "Von den Anlagen her, vom rein Sportlichen, da hätte er bei Manchester United spielen müssen." Nach zwei Saisons wechselt Gohouri zu den Young Boys Bern. Eine halbe Million Franken zahlt der Verein für ihn. Sollte er ins Ausland wechseln, wird sein Preis auf 1,3 Millionen festgelegt. Es ist ein komplizierter Vertrag, wie ihn sich nur Berater ausdenken können. Und wie ihm nur Clubs zustimmen, die diesen Berater kennen.

Der Fußball ist ein Dickicht der Verlockungen

Jahre später noch wird der Transfer am Berner Handelsgericht prozessiert. Gohouri spielt jetzt erste Schweizer Liga, läuft in internationalen Spielen auf. Er ist 24 Jahre alt, als seine Karriere richtig losgeht. Für afrikanische Spieler ist Fußballeuropa Versprechen und Risiko in einem. Ein Sehnsuchtsort, an dem das große Geld gemacht wird, auf das die zurückgelassene Familie wartet. Aber auch fremde Welt, Dickicht der Verlockungen. Nicht alle, die das Talent haben, finden auch den richtigen Weg.

In Bern wird Gohouri zum Publikumsliebling. Die Art, wie er sich hinten in die Duelle wirft und vorne trifft, per Kopf meist, gefällt den Fans. Doch wenn er nicht spielt, feiert er. Wenn ein Mitspieler nach Paris reist, plant er ihm den Trip. Hotels, Restaurants und, natürlich, Bars und Clubs. Ist doch sein Terrain. Ist doch selbstverständlich. Vor einem wichtigen Uefa-Cup-Spiel gegen Marseille sagt Gohouri, dass er gern für eine französische Mannschaft spielen würde. Schweizer Medien schimpfen ihn einen Söldner.

Witzig, freundlich, labil

Gohouri wechselt nach Gladbach, ein weiterer Aufstieg. Natürlich gibt es auch Spieler, die einem Verein eine Karriere lang die Treue halten. Aber zum Fußballerleben gehört die Entwurzeltheit, Fußballer sind globale Nomaden. Man muss in sich ruhen, um das auszuhalten. Man muss sich panzern können gegen die Vorwürfe der Fans, die Einflüsterungen der Funktionäre, die Begehrlichkeiten von Freunden. Gohouri aber nimmt sich alles zu Herzen, erinnern sich ehemalige Mitspieler. Läuft ins Kommentarfeuer, wird in Discos fotografiert. Hofft, dass ihm alles verziehen wird – er will doch niemandem was Böses.

Gohouri ist ein guter Fußballer. Ein guter Profi ist er nicht. Aber in Gladbach fühlt er sich wohl und verliebt sich in eine Frau. Er mag die Unbeschwertheit der Leute. Mag Düsseldorf, wo er sich eine Wohnung nimmt. Es gibt ein Video aus der Zeit bei Borussia Mönchengladbach: Das Spiel ist gewonnen, knapp, die Mannschaft zerkämpft, steht vor der Kurve, die Kurve brüllt. Gohouri schlendert zum Zaun, kriegt ein Megafon in die Hand gedrückt, brüllt, peitscht, winkt, 30.000 Hände mit ihm, eine Party, ein Orkan. Gladbach wird fast so etwas wie eine Heimat. Dann tritt ein neuer Berater auf, Rui Alves, rundlicher Portugiese, lichtes Haar, goldene Uhr am Arm. Freunde erinnern sich nicht mehr, wann genau Alves auftaucht. Sie wissen aber, wann er wieder verschwindet: Jahre später, als Gohouri keinen Verein mehr findet, ins Taumeln gerät.

Gohouri und Alves feiern die Nächte durch. Eigentlich brauchte Steve einen Berater, der ihn schützt, ihm rät, sich doch bitte auf den Sport zu konzentrieren. Alves tut das Gegenteil. Gemeinsam gründen sie eine Eventagentur, Flyer zeigen den Gladbach-Star als thronenden König der Nacht. Er fliegt aus dem Kader, immer wieder. Auf seine Familie hört er da längst nicht mehr, sagt ein Freund. Immer nur Ratschläge und Mahnungen. Dabei hat er es doch geschafft! Ist das etwa nicht sein Geld? Die Welten haben sich voneinander entfernt. Wenn er für Länderspiele an der Elfenbeinküste weilt, führt er seine Kumpels von früher aus. Lädt jeden ein. Er ist der Star aus Europa. Freund von Didier Drogba und den Touré-Brüdern.

Er vergaß einen BMW monatelang im Parkhaus

Im Oktober 2008 bekommt Gohouri mit Hans Meyer einen neuen Trainer. Der Club kämpft gegen den Abstieg. Als Meyer sich am Telefon an Gohouri erinnert, ringt er um Worte: "Wenn der Steve vor einem saß, konnte man ihn richtig gerne haben. Aber eigentlich war er nicht für den Leistungsfußball geeignet." Die Aufmerksamkeit, das Geld, der Ruhm, all das habe ihm geschadet.

Vom Fußballer Gohouri bleibt der Eindruck, er sei in die falsche Epoche hineingeboren worden. 30 Jahre vorher war es normal, dass Spieler feierten, tranken, sogar eigene Diskotheken führten. Damals wäre Gohouri einer von vielen gewesen. Heute hat die Generation Götze übernommen. Brav, leistungsorientiert, im Vereinsinternat geschliffen. In so einem Umfeld fällt einer wie Gohouri auf – und raus. Obwohl Gohouri häufig angetrunken zum Training kommt, darf er zunächst bleiben. Meyer weiß, dass er seinen Verteidiger braucht. Ein Gohouri in Topform überragt die Mitspieler. Gegen den FC Bayern schaltet er Stürmerstar Klose aus, Gladbach holt ein umjubeltes Remis. Im Wintertrainingslager 2009 meldet sich Gohouri aber krank. Er sei schlapp, alles tue ihm weh. Meyer fühlt sich im Stich gelassen. Hat er nicht stets zum Ivorer gehalten? Die angeordnete Blutprobe bleibt ohne Befund. Gladbach verhindert schließlich den Abstieg. Aber ohne Gohouri. Der darf sich nur noch bei der U23 fit halten. Seine Tage bei Gladbach sind gezählt.

2016, ein Tag im Januar, Düsseldorfer City, unweit der Königsallee. In einem Bürobau residiert die Kanzlei Schumacher & Partner, die Gohouri Ende 2009 besucht. Sein Wechsel zu Wigan Athletic steht fest. Premier League, erste englische Liga, teuerste und beste Liga der Welt auch, endlich. Volker Henn-Anschütz, ein freundlicher Jurist, soll damals Gohouris Leben in Deutschland abwickeln. Er kümmert sich um den Aufhebungsvertrag mit der Borussia. Um die zerfeierte Wohnung. Um die Autohändler, die Schäden an Gohouris geleasten Autos monieren. Einmal vergaß Gohouri einen BMW monatelang im Parkhaus, das Ordnungsamt ließ abschleppen. Gohouri kommt zu Henn-Anschütz ins Büro und lacht, von dem Wagen habe er gar nichts mehr gewusst. Es sind Geschichten, die an den Brasilianer Breno erinnern, der in München seine Villa anzündete. An Alex Alves, exzentrischer Wandervogel aus Brasilien, bei Hertha BSC mehr Eskapaden als Tore, mit 37 Jahren an einer seltenen Krankheit gestorben. Verlorene in der Profiwelt. "Steve war witzig, freundlich, lebensfroh", sagt der Anwalt. "Aber eben auch ein bisschen labil."

Tod durch Ertrinken

In der britischen Liga erlebt Gohouri den Höhepunkt seiner Karriere. Er spielt regelmäßig, fliegt mit der Elfenbeinküste sogar zur WM. Auf der Insel nennen sie ihn The Beast, wegen der Muskeln. Im Nachhinein wirkt diese Zeit wie ein letztes Aufbäumen vor dem Untergang. Gohouri wirft noch mal alles rein für seinen Traum vom Topclub. Über Wigan hinaus schafft er es trotzdem nicht. Manchester United klopft nicht an. Als Fußballer kann man sich in diese Einsicht fügen. Oder man hängt ihr nach. Nach zwei Jahren baut er ab. Sein Vertrag läuft aus. Anwalt Henn-Anschütz organisiert ein Kennenlerngespräch mit dem FC Augsburg, ein Rückschritt nach Wigan, aber auch normal, so laufen Profikarrieren. Sechs Uhr abends, Holiday Inn. Augsburgs Coach und Manager sind pünktlich. Steve noch nicht da? Blick auf die Uhr. Eine halbe Stunde zu spät fährt Gohouri schließlich vor, offenes Cabrio, einen Kumpel als Beifahrer. Die Augsburger beraten sich kurz und brechen den Termin ab. Gohouri sieht ihnen lange nach. Es ist ein typischer Steve-Gohouri-Moment: der Mann, der viel will, aber zu wenig dafür tut.

Er landet stattdessen bei Maccabi Tel Aviv in Israel. Gohouri wohnt im Hotel, von seinem Balkon hört er die Raketen von Hamas. Das macht mich verrückt, schreibt er einem Kumpel. Seine Freundin aus Düsseldorf, jünger als er, hat Angst, sie weigert sich, Gohouri zu besuchen. Er schläft kaum noch. Nach fünf Monaten haut Gohouri aus Israel ab. Als er auch noch aus Griechenland flieht, der nächsten Station, Skoda Xanthi, nach drei Spielen nur, ist sein Ruf endgültig ruiniert. Ein Unruhestifter, 32 Jahre alt. Steves Cousin Joel Damahou, auch Profifußballer, sagt: Er hat immer nur mit dem Herzen gelebt, nicht mit dem Kopf.

Gohouri strandet in Düsseldorf. Wartet auf Angebote. Es kommen keine. Dreizehn lange Monate nicht. Seine Clique am Rhein besteht aus Bookern, Produzenten und DJs. Man trifft sich nachts, im Club, im Sommer geht es nach Ibiza. Gohouri zieht wieder mit. Hat nicht mehr die Einnahmen von früher, aber immer noch die Ausgaben. Ex-Kollegen gehen nicht mehr ans Handy. Früher hat er an seinem Geburtstag 200 SMS bekommen. Als er 2014 in kleinem Kreise feiert, sind es noch zehn Nachrichten, erzählt ein Bekannter. Ein letztes Mal kann ihn der Anwalt Henn-Anschütz vermitteln. Zu Rot-Weiß Erfurt, tiefstes Thüringen, dritte Liga.

Gesprungen oder gefallen?

In Erfurt bezieht Gohouri eine Wohnung im Vereinsinternat. Wenn das Team frei hat, rast er nach Düsseldorf, der Heimat entgegen, der Freundin, den Freunden, vier Stunden jede Strecke. Aber Erfurt bricht ein. Die eigenen Fans beschimpfen Gohouri als Neger, der Trainer wird gefeuert. Gohouri, der es probieren, aushalten wollte, ist im Sommer wieder vereinslos. Endstation. Der Gasthof Deutsches Haus in Haiger-Allendorf, Sprühregen wäscht an das Fachwerk. Im getäfelten Festsaal welken Blumen. Was muss Steve Gohouri gedacht haben, als er hier Platz nahm? Der 11. Dezember 2015, früher Abend, von der Bühne schunkelt eine Dorfband Coverversionen in den Raum. Weihnachtsfeier des TSV Steinbach. Sein neuer Club. Sein letzter.

Ein Foto zeigt Gohouri an jenem Abend. Er schaut leer in die Kamera, als sei ihm ein Rätsel, wie es so weit kommen konnte. Regionalliga. Hessische Provinz. Ganz unten. Seine Freundin hat ihm eröffnet, dass sie für ihr Studium nach München ziehen will, ausgerechnet jetzt, da seine Karriere endet, jetzt, wo er bei ihr in Düsseldorf sein könnte. Die Beziehung ist am Ende. Rui Alves, einstiger Freund, in Südafrika abgetaucht, die Homepage offline.

Gohouri verlässt die Feier früh. Er müsse morgen nach Paris, entschuldigt er sich, Familie besuchen. Tatsächlich fährt er in die Düsseldorfer Altstadt. Er trinkt, zieht durch die Clubs, in den Medienhafen, weiter, noch ein Club, noch ein Drink. Die Rheinkniebrücke, hoch ragen ihre Stelen in den Himmel, weit spannen ihre Seile zu beiden Seiten. Autos donnern über den Asphalt. Von hier soll Gohouri in jener Nacht im Fluss verschwunden sein. Gesprungen oder gefallen. Die Brüstung ist hoch, man muss sich anstrengen, ein Bein über das Geländer zu kriegen. Eigentlich unmöglich, hier zu verunfallen. Neun Meter hinunter bis ins Wasser, das schnell und schwarz vorbeiströmt. Am 31. Dezember 2015 entdeckt ein Spaziergänger am Rheinufer bei Krefeld einen leblosen Körper, 18 Kilometer flussabwärts von Düsseldorf. Es ist Steve Gohouri. Die Meldung von seinem Tod verbreitet sich schnell im Netz. In Wigan läuft gerade ein Ligaspiel, als die Fans im Block auf ihre Smartphones zeigen. Ungläubige Blicke, Kopfschütteln, Tränen. Sie fangen an, seinen Namen zu singen, erst nur ein paar, leise, dann immer mehr, trotzig, laut. Die Gerichtsmedizin obduziert. Tod durch Ertrinken.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt nicht, ob es ein Unfall war oder Suizid. Am 5. Januar 2016 wird der Fall Steve Gohouri, Aktenzeichen 8 Ujs 8/16, geschlossen.