Der Schauspieler Burghart Klaußner schaut als Richter im Fernsehfilm Terror – Ihr Urteil frontal in die Kamera. Er wendet sich an Sie und mich und potenziell 80 Millionen Deutsche. Wir seien in seinem Prozess die Schöffen: "Urteilen Sie ausschließlich nach dem, was Sie selbst für richtig halten." Wir sollen eine Telefonnummer mit der Endziffer 1 für "schuldig" oder der 2 für "unschuldig" wählen.

Es findet also eine Art Referendum statt. Uns, dem Volksfernsehzuschauersouverän, wird die Entscheidung über den Ausgang einer Gerichtsverhandlung übertragen, in der es übrigens im Kern darum geht, ob die Verfassung der Bundesrepublik auf jeden Fall gilt. Unter dem Brennglas künstlerischer Erfindung und des Massenmediums Fernsehen wird ausprobiert, was populistische Parteien fordern: den "gesunden Menschenverstand" bestimmen zu lassen, wenn "elementare politische Weichenstellungen" vorzunehmen seien (so die AfD).

Nur vordergründig entscheiden wir also über eine individuelle Ausnahmesituation: Ein Major der Luftwaffe hat ein von Terroristen entführtes Passagierflugzeug mit 164 Menschen vom Himmel geschossen, um zu verhindern, dass es über einem mit 70.000 Menschen besetzten Fußballstadion zum Absturz gebracht wird. Ist der Major nun des mehrfachen Mordes an den Flugzeuginsassen schuldig, oder ist er unschuldig, weil er den Tod von 70.000 verhindert hat?

Der Fall ist fiktiv, ein leichtes Theaterstück von Ferdinand von Schirach, makellos als Spielfilm adaptiert und dargestellt von der Crème de la Crème deutscher Schauspieler. Den Angeklagten spielt der hübsche Florian David Fitz. Zwei alternative Enden sind aufgezeichnet, zwei Urteilssprüche. Sie können Fitz vor Schreck ganz fahl werden sehen oder erleichtert. Gesendet wird aber nur das Urteil, für das die Mehrheit der Deutschen abstimmt.

Seit Schirachs Stück letzten Herbst Premiere hatte, steht es an 54 Theatern auf dem Spielplan. Bis dato haben dabei 150.713 Zuschauer abgestimmt, von denen 59,9 Prozent für "unschuldig" plädierten, sodass 93,2 Prozent der Verhandlungen mit einem Freispruch endeten. Der Fernsehfilm läuft dieser Tage auch in exklusiven Kinovorführungen, dazu die bundesweite Ausstrahlung in der ARD. Das Datenset wird größer.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 43 vom 13.10.2016.

Dabei wird sich womöglich bestätigen, dass der "gesunde Menschenverstand" des Publikums der Vernunft des Gesetzgebers widerspricht. Denn auch der hat das Szenario eines solchen Terroranschlags durchgespielt. Drei Jahre nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wurde ein Luftsicherheitsgesetz erlassen, das es der Bundeswehr gestattet hätte, in äußerster Not Waffen gegen ein Flugzeug einzusetzen – auch wenn dadurch Passagiere zu Tode kämen. Schirach hat seinen Prozess als Anwendungsfall dieses Gesetzes konstruiert. Aber es kommt zum tragischen Konflikt: Das Gesetz gilt nicht mehr. Denn 2006 hat das Bundesverfassungsgericht entschieden, ein Gesetz, welches von Staats wegen zur Tötung Unschuldiger befugt, sei mit dem im Grundgesetz verbrieften Recht auf Leben und mit der Würde des Menschen unvereinbar.

Über "Ihre" Entscheidung ist also längst höchstrichterlich beschlossen. Der Film diskutiert das präzise. Es wird glasklar gemacht, dass der Angeklagte sich vor seiner Tat mit dem Spruch der Verfassungsrichter auseinandergesetzt und gegen den Befehl seiner Vorgesetzten gehandelt habe. Er wusste, dass er Schuld auf sich laden würde.

Der "gesunde Menschenverstand" von 80 Millionen Bürgern?

Hochkarätiges Schauspielerensemble (v.l.n.r.): Lars Eidinger, Martina Gedeck, Florian David Fitz, Burghart Klaußner © ARD Degeto/RBB/Julia Terjung

Wir sehen also einen Mann, der, mit der Hand am Auslöser einer tödlichen Lenkrakete, auf kafkaeske Weise vor dem Gesetz stand und zu entscheiden hatte, ob es in diesem besonderen Fall "für ihn bestimmt" sei. Die Urteilssprüche (nachzulesen im bei btb erschienenen Theatertext) unterscheiden sich denn auch im Wesentlichen in der Bewertung seines sogenannten "übergesetzlichen Notstandes". "Übergesetzlich" sind Umstände (zum Beispiel ein Terroranschlag), die so ungewöhnlich sind, dass sie nicht im Gesetz normiert werden können. Das macht das Argument begreiflicherweise juristisch umstritten.

Und auch der Begriff "Notstand" hat eine ambivalente Geschichte. So redeten sich Täter beider deutscher Diktaturen des 20. Jahrhunderts heraus, als sie nach deren Ende zur Verantwortung gezogen wurden, sie hätten nur nach geltenden Gesetzen und Befehlen gehandelt. Man nennt das "Befehlsnotstand". Widerstand (etwa den des 20. Juli) konnte es nur geben, weil wenige ihre individuelle Verantwortung höher bewerteten als die geltenden Normen.

Gerade um mit dem Erbe der Nazizeit aufzuräumen, wandte sich dann in der deutschen 68er-Bewegung ein breites gesellschaftliches Bündnis gegen die "Notstandsgesetze". Man hielt es für gefährlich, in die noch labile demokratische Verfassung eine Lücke zu schlagen, durch die sie wieder zur Disposition gestellt werden könnte. Und auch Schirach lässt seine Staatsanwältin (Martina Gedeck) argumentieren, die Normen der Verfassung müssten unter allen Umständen gelten.

Beide historischen Erfahrungen arbeiten wahrscheinlich in den zur Abstimmung gerufenen Fernsehzuschauern. Sie machen aber auch den entscheidenden Unterschied zwischen der Handlungsebene von Terror und der Logik des Fernsehexperiments verständlich: Ein Einzelner, wie der fiktive Major Koch, hat selbstverständlich die Freiheit (sogar die moralische Pflicht), über sein Verhältnis zu den Gesetzen nach Wissen und Gewissen zu entscheiden – auf die Gefahr hin, bestraft zu werden. Aber ein "Volk" als Kollektiv, das ständig mit etwas Vagem wie dem "gesunden Menschenverstand" (was soll das sein bei über 80 Millionen Bürgern?) Entscheidungen über "elementare" Normen fällt, schwebt in gefährlicher Ungewissheit "über" dem Gesetz. Das ist die fatale Wirkung solcher Volksabstimmungen, ob darin nun fiktiv oder realpolitisch entschieden wird. Zumal wenn nur zwei Möglichkeiten zur Verfügung stehen: schuldig oder unschuldig? Raus aus der EU oder bleiben? Dieses Hopp-oder-topp-Prinzip schwächt um eines dramatischen Effekts willen zentrale Werte, anders gesagt, Sicherheiten – mehr als es Terroristen vermögen.

Den Major zum Beispiel für schuldig zu erklären, um das Grundgesetz zu wahren, und zugleich das Strafmaß niedrig zu halten, um zu respektieren, dass er seine Verantwortung wahrgenommen hat – diese praktische Lösung steht Ihnen, den Zuschauer-Richtern, nicht zur Wahl.

"Terror – Ihr Urteil", Montag, 17.10. um 20.15 Uhr in der ARD

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