Hochkarätiges Schauspielerensemble (v.l.n.r.): Lars Eidinger, Martina Gedeck, Florian David Fitz, Burghart Klaußner © ARD Degeto/​RBB/​Julia Terjung

Wir sehen also einen Mann, der, mit der Hand am Auslöser einer tödlichen Lenkrakete, auf kafkaeske Weise vor dem Gesetz stand und zu entscheiden hatte, ob es in diesem besonderen Fall "für ihn bestimmt" sei. Die Urteilssprüche (nachzulesen im bei btb erschienenen Theatertext) unterscheiden sich denn auch im Wesentlichen in der Bewertung seines sogenannten "übergesetzlichen Notstandes". "Übergesetzlich" sind Umstände (zum Beispiel ein Terroranschlag), die so ungewöhnlich sind, dass sie nicht im Gesetz normiert werden können. Das macht das Argument begreiflicherweise juristisch umstritten.

Und auch der Begriff "Notstand" hat eine ambivalente Geschichte. So redeten sich Täter beider deutscher Diktaturen des 20. Jahrhunderts heraus, als sie nach deren Ende zur Verantwortung gezogen wurden, sie hätten nur nach geltenden Gesetzen und Befehlen gehandelt. Man nennt das "Befehlsnotstand". Widerstand (etwa den des 20. Juli) konnte es nur geben, weil wenige ihre individuelle Verantwortung höher bewerteten als die geltenden Normen.

Gerade um mit dem Erbe der Nazizeit aufzuräumen, wandte sich dann in der deutschen 68er-Bewegung ein breites gesellschaftliches Bündnis gegen die "Notstandsgesetze". Man hielt es für gefährlich, in die noch labile demokratische Verfassung eine Lücke zu schlagen, durch die sie wieder zur Disposition gestellt werden könnte. Und auch Schirach lässt seine Staatsanwältin (Martina Gedeck) argumentieren, die Normen der Verfassung müssten unter allen Umständen gelten.

Beide historischen Erfahrungen arbeiten wahrscheinlich in den zur Abstimmung gerufenen Fernsehzuschauern. Sie machen aber auch den entscheidenden Unterschied zwischen der Handlungsebene von Terror und der Logik des Fernsehexperiments verständlich: Ein Einzelner, wie der fiktive Major Koch, hat selbstverständlich die Freiheit (sogar die moralische Pflicht), über sein Verhältnis zu den Gesetzen nach Wissen und Gewissen zu entscheiden – auf die Gefahr hin, bestraft zu werden. Aber ein "Volk" als Kollektiv, das ständig mit etwas Vagem wie dem "gesunden Menschenverstand" (was soll das sein bei über 80 Millionen Bürgern?) Entscheidungen über "elementare" Normen fällt, schwebt in gefährlicher Ungewissheit "über" dem Gesetz. Das ist die fatale Wirkung solcher Volksabstimmungen, ob darin nun fiktiv oder realpolitisch entschieden wird. Zumal wenn nur zwei Möglichkeiten zur Verfügung stehen: schuldig oder unschuldig? Raus aus der EU oder bleiben? Dieses Hopp-oder-topp-Prinzip schwächt um eines dramatischen Effekts willen zentrale Werte, anders gesagt, Sicherheiten – mehr als es Terroristen vermögen.

Den Major zum Beispiel für schuldig zu erklären, um das Grundgesetz zu wahren, und zugleich das Strafmaß niedrig zu halten, um zu respektieren, dass er seine Verantwortung wahrgenommen hat – diese praktische Lösung steht Ihnen, den Zuschauer-Richtern, nicht zur Wahl.

"Terror – Ihr Urteil", Montag, 17.10. um 20.15 Uhr in der ARD

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