DIE ZEIT: Am Wochenende wurde die Oppositionszeitung Népszabadság, die größte politische Tageszeitung Ungarns, völlig überraschend eingestellt. Sie wurden daran gehindert, das Redaktionsgebäude zu betreten. Wie muss man sich das vorstellen?

Márton Gergely: Am Freitagabend haben wir die Redaktion gegen 23 Uhr verlassen. Der Verlag hatte uns gesagt, dass die Redaktion an diesem Wochenende umziehen würde, in ein Büro auf der anderen Donauseite, jeder von uns bekam einen Karton, um seine Sachen hineinzupacken. Eigentlich hätten wir uns am Sonntag im neuen Redaktionsgebäude treffen sollen, die Diensthabenden hätten dann die Montagsausgabe produziert. Am Samstagmorgen rief mich aber plötzlich einer unserer Reporter an. Er komme nicht mehr in unser Mailprogramm, da stehe: Sie sind nicht autorisiert. Ich habe es dann auch versucht, es klappte nicht. Ich dachte erst, sie hätten den Mailserver wegen des Umzugs abgeschaltet. Dann aber lasen wir auf den Websites anderer Zeitungen das Kommuniqué unseres Herausgebers, nämlich, dass unsere Zeitung geschlossen werde, angeblich aus wirtschaftlichen Gründen. Der Chefredakteur rief mich an, er hatte auch von nichts gewusst. Um 11 Uhr klingelte der Kurier an meiner Tür, er brachte ein Schreiben der Geschäftsführung. Darin stand, wir seien ab jetzt beurlaubt. Wir würden weiterhin bezahlt, unsere Arbeit werde allerdings nicht mehr gebraucht, wir dürften die Räume und Mittel des Mediaworks Verlags nicht mehr nutzen. Wir kommen nicht mehr an unsere Mails und Kontakte, die Kartons, die wir gepackt haben, sind unter Verschluss. Weiterhin stand in dem Schreiben, dass Stillschweigen zu wahren sei. Wir als Angestellte dürften nichts Schlechtes über den Verlag sagen. Bei Nichteinhaltung sei mit Konsequenzen zu rechnen. Wir werden erpresst, das ist ein Hinterhalt, uns wurde vorgegaukelt, dass wir nur umziehen würden. Sie locken uns auf die Brücke, um sie dann zu sprengen.

ZEIT: Sie vermuten, dass politische Gründe hinter diesem Schritt stehen. Warum passiert so etwas gerade jetzt?

Gergely: Weil die Regierung jetzt die Chance dazu hat. Sie denkt, nie stärker gewesen zu sein ...

ZEIT: ... Sie meinen das Referendum vor eineinhalb Wochen, als Viktor Orbán die Ungarn über die EU-Flüchtlingsquoten abstimmen ließ. Nur 40 Prozent der Wahlberechtigten gingen zur Abstimmung – damit war sie ungültig; Orbán aber erklärte die Abstimmung als Erfolg, weil die Mehrheit der Wähler seinem Kurs folgte.

Gergely: Sie haben durch das Referendum gezeigt, dass es keinen Skandal gibt, der ihnen schadet, nichts, was sie nicht tun könnten. Orbán wollte mit dieser Volksabstimmung Europa schaden, er wollte Vorreiter für Seehofer und all die anderen sein. Es war kein Erfolg, wie ihn Orbán sich gewünscht hatte, es gingen nicht so viele Menschen zum Referendum wie geplant. Und doch haben 3,3 Millionen genau so entschieden, wie er das wollte. Sie haben gegen eine Gefahr gestimmt, die es gar nicht gibt. Man erzählt sich, Orbán und seine Leute hätten an diesem Abend Champagner getrunken, weil sie sich sagten: Die Wahl 2018 haben wir ohnehin schon gewonnen.

ZEIT: Was glauben Sie, welche Ihrer Geschichten hat Orbán am meisten geärgert?

Gergely: Ich weiß es nicht. Ungarn funktioniert nicht so wie andere europäische Länder, in denen Regierungschefs Pressekonferenzen und Interviews geben. Orbán ist längst ein zurückgezogener Übervater, er macht so etwas nicht. Doch haben wir Geschichten gebracht, die zwei seiner engsten Mitarbeiter stark beschädigt haben.

ZEIT: Der Verlag behauptet, es gebe wirtschaftliche Gründe für die Schließung.

Gergely: Das ist eine zynische Lüge. Herr Pecina ...

ZEIT: Der österreichische Geschäftsmann, der den Verlag Mediaworks kontrolliert, dem Ihre Zeitung gehört ...

Gergely: ... hat unsere Zeitung erst 2014 gekauft, die großen Verluste schrieb sie davor. Man kann darüber spekulieren, ob er das damals nicht schon aus politischen Gründen getan hat. Es wurde immer vermutet, dass er sich als Strohmann betätigt, wir glauben, er hat einen Deal mit der ungarischen Regierung geschlossen. Derzeit wird in Österreich wegen Untreue gegen Herrn Pecina ermittelt, sein Name taucht auch in den Panama Papers auf. Vielleicht bekam er Geld, vielleicht politische Protektion.

ZEIT: Wie machen Sie jetzt weiter?

Gergely: Darüber denken wir gerade viel nach. Unsere Belegschaft besteht aus 60 Vollzeitredakteuren, 30 technischen Mitarbeitern, darüber hinaus gibt es noch etwa 50 Kolumnisten und Pauschalisten. Die Lage ist verzwickt. Der Verlag versucht uns zu erpressen, und bei vielen wirkt das, weil sie das Geld brauchen, manche arbeiten seit Jahrzehnten hier. Uns wird vorgegaukelt, dass wir eine Chance auf Abfindung und Weiterbeschäftigung haben, wenn wir ihre Vorschriften beachten und still halten. Was ich hier tue, Interviews unter meinem Klarnamen zu geben, ist genau das, was sie nicht wollen. Gestern haben wir eine kleine Demo veranstaltet, unzählige Unterstützer haben sich bei uns gemeldet. Uns schlägt viel Sympathie und Liebe entgegen. Eine Bürogemeinschaft hat uns kostenfrei Räume überlassen, man offeriert uns Rechtsbeistand, andere Medien haben uns angeboten, unsere Artikel zu drucken, IT-Fachleute haben angekündigt, uns eine Website zu programmieren, Grafiker, sie zu gestalten. Wir denken darüber nach, eine Website zu machen, und suchen nach Geschäftsmodellen, um sie zu finanzieren. Einerseits wollen wir unseren Abonnenten dienen, andererseits der ungarischen Demokratie.