Die hohe wirtschaftliche und soziale Ungleichheit ist eine der wichtigsten Herausforderungen für Deutschland heute. Kaum ein Industrieland hat eine höhere Ungleichheit bei Chancen, Vermögen und Einkommen. Doch wer auf diese Tatsachen hinweist, muss mit Widerspruch oder gar Empörung rechnen. Denn diese Fakten widersprechen grundlegend unserem Ideal der sozialen Marktwirtschaft, die für so viele Jahrzehnte der Grundstein des wirtschaftlichen Erfolgs war.

Clemens Fuest und Rainer Kirchdörfer kritisieren in der ZEIT (Nr. 41/16) diese Aussagen und damit die Kernbotschaft meines Buches Verteilungskampf. Jedoch verstricken sie sich in einen grundlegenden Widerspruch und interpretieren die Fakten falsch. Falsch ist ihre Behauptung, die Ungleichheit der Einkommen sei über die vergangenen Jahrzehnte gestiegen, weil mehr Ältere im Arbeitsmarkt verblieben. Tatsache ist, dass die Einkommensungleichheit der jungen Menschen genauso stark zugenommen hat wie die der älteren. Sie liegt etwa bei den unter 40-Jährigen heute doppelt so hoch wie noch in den 1970er Jahren.

Zynisch ist die Behauptung, der Anstieg der Ungleichheit sei gut, da mehr Frauen in den Arbeitsmarkt gekommen seien und diese weniger verdienten. In Deutschland verdient eine Frau durchschnittlich 21 Prozent weniger als ein Mann. Damit hat Deutschland einen der größten Gender-Pay-Gaps aller Industrieländer. Dies liegt wahrlich nicht daran, dass Frauen freiwillig weniger Führungsverantwortung übernehmen, stetig lieber Teilzeit arbeiten und schlechter in Lohnverhandlungen sind. Der größte Teil der Bezahlungsunterschiede der Geschlechter geht vielmehr auf Lohndiskriminierung und die vielen Hürden zurück, die der Staat Müttern und Familien noch immer in den Weg legt.

Kein Land der Euro-Zone hat eine so hohe Ungleichheit bei den privaten Vermögen wie Deutschland. Die ärmsten 40 Prozent der Familien haben praktisch keine Nettovermögen, also keine Ersparnisse, um Bildungsausgaben für die Kinder, eine Absicherung fürs Alter oder unerwartete Gesundheitskosten stemmen zu können. An diesem Fakt ändert auch die vergleichsweise gute deutsche gesetzliche Altersvorsorge wenig.

Die fehlende Chancengleichheit und die geringe Verteilungsgerechtigkeit sind heute die wichtigsten Schwächen Deutschlands. Sie führen dazu, dass Deutschlands soziale Marktwirtschaft, auf die wir so lange so stolz waren, nicht länger existiert. Denn eine funktionierende soziale Marktwirtschaft bedeutet eben nicht, dass der Staat lediglich ein soziales Sicherungsnetz für seine Bevölkerung bereitstellt. Ihr geistiger Vater Ludwig Erhard hat in der sozialen Marktwirtschaft vor allem einen Rahmen für Eigenverantwortung gesehen, der es den Menschen erlaubt, ihre Talente und Fähigkeiten zu nutzen und mit ihrer eigenen Hände Arbeit für sich zu sorgen.