Der Friseur Gerhard Meir schneidet nicht, er schnitzt. Wie an einem Baumstamm. Er stößt den Kopf der Gräfin nach vorn, pflügt mit dem Kamm durchs blondierte Haar, schnipp, schnapp!, fallen die Spitzen zu Boden. Im nächsten Moment kippt er den Kopf nach hinten, der Kamm fährt gegen den Strich, reißt an den Haaren, schnipp, schnipp, schnapp! Der Kopf fällt nach links, dann nach rechts, wie ein Punchingball. Schnipp, schnapp! Zack, zack! Fertig.

"Schaut doch suppa aus!", sagt Meir und eilt zur nächsten Kundin, einer deutschen Serien-Schauspielerin, deren Strähnchen gerade einwirken. Er prüft die Farbe unter der Folie und ruft: "Angelika, waschen!" Die nächste Kundin, eine von Bismarck, muss aufstehen und sich kopfüber beugen, bevor Meir die Schere zu letzten Korrekturen ansetzt. "Alexander, föhnen!" Da steht Meir schon an der Kasse und verabschiedet eine Kundin, die seit 40 Jahren zu ihm kommt. Er klopft ihr die Haare vom Blusenrücken, holt noch schnell das Haarspray, sprüht, zupft, wedelt. "Suppa, suppa!", Bussi-Bussi, "Pfiat di!"

Es meirt wieder. Mit dieser besonderen Mischung aus Haarkunst, Hektik und Herzlichkeit, die vornehmlich Damen mit Geld oder Herkunft seit Jahrzehnten in seinen Salon lockt. Gerhard Meir war Deutschlands erster Promi-Friseur. Einer, dem der Boulevard den Titel Star-Figaro verpasste. In den achtziger und neunziger Jahren frisierte er alles, was blond war oder berühmt: Claudia Schiffer, Veronica Ferres, Friede Springer, Gabriele Henkel. Außerdem Deutschlands halben Hochadel. Seine Läden in München, Hamburg und Berlin waren Hotspots der Society, und Meir war ihr Belami. Der Darling der Damen machte den Friseur salonfähig. Bis er tief fiel: Geschäftlich stand er vor der Pleite, gesundheitlich vor dem Ruin. Es wurde ruhig um ihn.

Er war ein begnadeter Friseur, aber ein schlechter Geschäftsmann

Gerhard Meir ist wieder aufgestanden. Vor vier Jahren eröffnete er einen neuen Laden in der Münchner Ludwigstraße. Der ist drei Nummern kleiner als die pompösen Le-Coup-Filialen, die er einst am Promenadeplatz und am Odeonsplatz unterhielt. Nur der Barberinische Faun aus Marmor fläzt nackert am Eingang wie eh und je. Doch erstmals steht nun Meirs Name an der Tür. Erstmals in fast 40 Jahren Selbstständigkeit ist er sein eigener Herr, hat keinen Geschäftspartner mehr, der sich ums Betriebswirtschaftliche kümmert. Das erste Mal darf Meir nicht nur Künstler, sondern muss auch Kaufmann sein.

Den Geschäftsmann Gerhard Meir erkennt man daran, dass er nun Details weiß, über die er früher die Schultern gezuckt hätte: wie viel seine Mitarbeiter verdienen, wie viel der Strom und das Internet kosten, dass die Ladenmiete zehn Prozent des Umsatzes schluckt. In seinem Salon geht Meir nun selbst ans Telefon und vereinbart Termine mit Kunden. Er steht an der Kasse und macht abends die Abrechnung. Danach fährt er mit dem Taxi zur Bank, um den Tagesumsatz einzuzahlen. Er sortiert die Scheine, bündelt sie, legt sie in den Einzug und wartet, bis der Automat sie schluckt. Für Hunderttausende Selbstständige sind solche Dinge tägliche Routine, für Meir ist es eine neue Welt.

Er war mal der berühmteste Friseur des Landes, noch bevor Udo Walz seinen ersten Laden in Berlin eröffnete. Ein Haarvirtuose auf der großen Salonbühne, die er beherrschte wie kein Zweiter. Doch für Businesspläne und Umsatzzahlen hatte er nichts übrig. Er schuftete von früh bis nachts, seine Läden spülten Jahr um Jahr mehrere Millionen Mark in die Kasse, aber das Geld floss auch schnell wieder ab. Seinen Geschäftsführern zahlte er Managergehälter, in München und Hamburg wohnte er stets in A-Lagen, er lud zu Cocktail-Prolongés nach Hause und zu legendären Partys nach Sylt. Er sorgte sich nicht ums Geld, solange immer welches da war. Man muss es wohl so deutlich sagen: Meir war ein begnadeter Friseur, aber ein schlechter Geschäftsmann.