Der Mann hinterm Tresen unserer Stammkneipe heißt Tommy. Zwei Silben: To-mmy. Das macht die Sache einfacher, wenn wir wie so oft pünktlich ab ein Uhr nachts vergnügt eine Runde Futschi nach der anderen bestellen. Im Satz "Tommy, machste nochma soundso viele Futschi" gibt es fast nur Wörter, die aus zwei Silben bestehen. Deswegen kann man ihn auch dann noch gut rufen, wenn das Hirn ganz leicht wird und die Zunge langsam schwer.

Seit Jahrzehnten ist Futschi der Longdrink in Westberliner Eckkneipen. Er besteht aus Weinbrand und Cola. Kein Eis, keine Gurken, kein Chichi. Aber trotzdem ist Futschi nicht gleich Futschi. In gut sortierten Läden gibt es den Drink in drei verschiedenen Preisklassen, von 1,50 in 50-Cent-Schritten hoch bis auf 2,50 Euro. Je nachdem, ob man Goldkrone als Weinbrand haben möchte, Schantree (sic!) oder Jacobi. Manchmal, wenn man Glück hat, kann man sich sogar die Cola aussuchen. Extravagante Trinker wählen Futschi Blond, Weinbrand mit Fanta.

Serviert wird Futschi in einem kleinen, nach unten sternförmig zulaufenden Glas. Etwas weniger als 200 Milliliter passen hinein. Darin schimmert er bräunlich, manchmal geheimnisvoll. Das erste Glas des Abends ist eine Herausforderung, zu süß die Cola, zu klebrig der Weinbrand. Danach wird es besser. Futschi wird nicht gekühlt und nicht angezündet, man trinkt ihn lauwarm, und am nächsten Tag hat man Kopfschmerzen. Es ist der Drink für diesen wunderbaren Moment der Schwerelosigkeit nach dem Zaudern, ob man nicht vielleicht doch nach Hause gehen sollte, und vor dem Bereuen. Ein Anti-Detox-Getränk für diejenigen, die damit abgeschlossen haben, den nächsten Tag sinnvoll zu nutzen. Nicht umsonst, erzählt man sich, kommt der Name von futschikato, Berlinerisch für kaputt. Nach einem Abend mit Futschi kann man kein Yoga machen.

In Tommys Kneipe sitzt jedes Wochenende eine zierliche, über 80 Jahre alte Frau an einem Tisch an der Wand. Sie trägt rot gefärbtes Haar, ein bewegtes Leben im Gesicht und hält sich fest an ihrem Futschi. Nach dem dritten oder vierten Glas steht sie auf und tanzt mit jüngeren Männern zwischen 50 und 60 zur Jukebox. Am Ende eines Liedes knutscht sie mit manchen noch ein bisschen rum. Hin und wieder frage ich mich, ob mit dieser Frau auch der Futschi gehen wird.

Dann, wenn die Eckkneipen vollständig verschwunden sind, ersetzt durch Craft-Beer-Läden und vegane Burger-Shops. In Berlin, einer zum Ketten-Karussell gewordenen Stadt, war Futschi, seit ich trinken kann, ein Orientierungspunkt, die vertraute Piste zur Übelkeit. Ohne Futschi wären die Abende kürzer, und der nächste Tag wäre länger. Ohne Futschi hätte Yoga gewonnen.