Als wir 1990 zum ersten Mal mit dem Auto den ehemaligen Eisernen Vorhang passierten und uns an die lachhaften Prozeduren der Grenzkontrollen erinnerten, fragte das Kind: "Warum war denn da eine Grenze?" Ich weiß nicht mehr, was wir auf diese unbeantwortbare Frage geantwortet haben. Ja, warum nur?

Die längst erwachsene Tochter und alle, die den Fall der Mauer bloß aus den Erzählungen der Eltern und der Geschichtslehrer kennen, müssen nur die bewegende Autobiografie Wolf Biermanns lesen, um die Tragödie der deutschen Teilung zu verstehen. Warte nicht auf bessre Zeiten! ist eine Meisterleistung der literarischen Vergegenwärtigung, das Buch verbindet sachliche Präzision mit persönlicher Leidenschaft, Witz mit Sarkasmus.

Wolf Biermann wird an diesem 15. November 80 Jahre alt. Er ist einer der bedeutendsten deutschen Lyriker, ein begnadeter Sänger und Gitarrist obendrein, dessen Lieder zu wahren Schlagern wurden und lange Zeit in aller Ohren waren. Als ihn die DDR 1976 ausbürgerte, empörte sich die halbe Welt, und viele namhafte Schriftsteller der DDR protestierten. Es war der Anfang vom Ende der DDR.

Bis der einst überzeugte Kommunist im Westen wirklich angekommen war, das dauerte. "Ich wollte die ersten Jahre nichts als zurück in den Osten", schreibt er. Der Vater Dagobert starb im KZ. "Der Kummer um den Kommunisten, den Arbeiter, den Juden Biermann ist meine Schicksalsmacht", sagt er gleich zu Beginn, "mein guter Geist, mein böser." Erschütternd, wie er das Bombardement Hamburgs beschreibt, den Feuersturm in der Nacht vom 27. auf den 28. Juli 1943, dem Mutter und Kind mit knapper Not entkommen. Leichen sieht er, brennende Menschen. "Sechseinhalb Jahre war ich damals. Und so alt blieb ich mein Leben lang."

Er wird ein miserabler Schüler, und die Mutter macht ihm den allerschwersten Vorwurf: "Dafür ist dein Vater in Auschwitz gestorben, dass du jetzt eine Fünf in Mathe hast!" 1953 schickt sie ihn in die DDR. Dort macht er ein so gutes Abitur, dass er einen Studienplatz an der Humboldt-Universität kriegt. Er bewirbt sich bei Helene Weigel, die ihm eine Stelle beim Berliner Ensemble gibt. Der junge Mann ist hochbegabt, mutig und dreist zugleich.

Es ist erstaunlich, wie vieler Nackenschläge es bedurfte, bis Biermann vom kommunistischen Glauben abfiel. Schon als Schüler muss er einem infamen Erpressungsversuch der Stasi widerstehen. Den Mauerbau "begrüßt" er, "nicht begeistert, aber immerhin tieftraurig". Das Diplom in den Fächern Philosophie und Mathematik, das ihm nach gut bestandener Prüfung zusteht, wird ihm verweigert. Ein Gastspiel im Kabarett Die Distel endet nach kurzer Zeit. "Mit den Waffen der Satire wurden dort tote Hunde totgeschlagen, die vorher von der Propagandaabteilung des ZK angeliefert worden waren." Seine Bücher werden nicht gedruckt, öffentliche Auftritte untersagt. Die Stasi unternimmt Anschläge auf ihn, die er nur durch Glück überlebt.

Trost und Stärkung findet er bei seinem Freund Robert Havemann: "Alter Fuchs und junger Wolf. Als Gegensätze passten wir bestens zusammen. Seit Robert der Guillotine im Naziknast entronnen war, hielt er sich für unsterblich. Er begrüßte sich jeden Morgen im Spiegel und beglückwünschte die Menschheit dazu, dass er am Leben war."