Ich kaufe einen Anzug. Für die Arbeit. Für den neuen Job. Weniger schreiben, mehr entscheiden. Weniger Büro, mehr Bühne. "Ein Leben nach Maß", verspricht der Herrenausstatter. "Mehr Autorität mit diesem gut sitzenden Stöffchen", verspricht die Verkäuferin. Schwarzer Bob, graues Kostüm, weißes Lächeln. Bei ihr sitzt alles.

Eigentlich ist das bei Journalisten so: Print trägt Cord. Online trägt Hoodie.

Joachim trug Maßanzug. Dazu schwere Füllfederhalter und ein ledernes Büchlein. "Für Pläne und Ideen", sagte Joachim. Sonst schrieb er eher wenig. Er repräsentierte mehr. Joachim war stellvertretender Chefredakteur in jener Zeitung, in der ich zum ersten Mal etwas mehr war als ein Praktikant. Joachim wollte mehr sein als ein Stellvertreter. Bei Diskussionen lobte er seine Vorredner. In Konferenzen begrüßte er Themenvorschläge. Und in der Mittagspause saß er in Restaurants, die wie französische Städte hießen. Nie allein. Sondern mit Mitgliedern der Redaktion. Irgendwann auch mit mir. "Was willst du?", fragte Joachim. "Schreiben", sagte ich. "Ist das alles?", fragte Joachim. Ich nickte. "Und du?", fragte ich. "Ich will was Passendes", sagte Joachim. Kurz darauf ging er mit dem Verleger essen. Und wurde Chefredakteur.

Alles? Als Kind dachte ich, das wäre der Besitz einer Eisdiele. Später war es ein Leben als Rockstar. Dann als Kanzler. Dann als Reporter. Dann erfuhr ich, dass mein Leben bald aus zweieinhalb Menschen besteht. Ein Kollege sagte: "Schreiben wird natürlich schwierig." Ein Freund sagte: "Gut, dass du schon so viel gereist bist." Meine Tante sagte: "Kinder machen die Welt klein." Ich wälzte mich durch die Nacht. "Was ist los?", fragte der Mensch, der mir viel bedeutet. Ich erzählte von Kollegen, Freund und Tante. Davon, dass ich nicht mehr alles haben kann. Der Mensch, der mir viel bedeutet, sagte: "Alles ist jetzt eben mehr."

Kurz nach Joachims Ernennung brach die Medienkrise aus. Die Redaktion hoffte auf Ideen, der Verleger auf Pläne. Joachim lobte Vorredner, begrüßte Themenvorschläge. Und verschwand. Auf seinem Schreibtisch lag das Notizbuch. Darin stand: "Vier Eier, Brot, Klopapier, Radieschen." Das war alles.

Als ich den Anzug beim Herrenausstatter anprobierte, waren die Ärmel kurz, die Hosenbeine lang. Ich verlangte nach dem Chef. "Maßanzüge sind eben individuell!", rief die Verkäuferin. Ihr Kostüm saß noch. Ihr Lächeln war verrutscht. Alles ändert sich.