DIE ZEIT: Der erste schwarze Präsident der USA, Barack Obama, und die First Lady kämpfen um jede Wählerstimme der schwarzen Bevölkerung. Warum ist das überhaupt nötig?

Michelle Alexander: Hillary Clinton kann die Präsidentschaft nicht ohne die Stimmen der schwarzen Wähler gewinnen. Umfragen legen nahe, dass eine überwältigende Anzahl sie bevorzugt, aber in Staaten wie Florida hängt viel von der Wahlbeteiligung ab. Clinton dürfte die schwarze Bevölkerung nicht wie Obama an die Wahlurnen ziehen. Die Begeisterung für sie ist viel geringer als für ihn.

ZEIT: Vertritt Clinton die Interessen der Schwarzen nicht tausendmal besser als Trump?

Alexander: Obama war der erste schwarze Präsident und hat eine Loyalität und Leidenschaft geweckt, mit der Hillary nicht mithalten kann, so schrecklich eine Präsidentschaft von Trump auch wäre. Die Wahl zwischen Trump und Clinton ist für viele nicht reizvoll, auch für viele Afroamerikaner nicht, am wenigsten für junge Leute. Jeden Tag schüren virale Videos, die brutale Polizeigewalt festhalten, die Skepsis und den Zynismus gegenüber unserer Regierung, und viele glauben nicht daran, dass die Wahl etwas an unserem Justizsystem und der wirtschaftlichen Lage von Millionen ändern wird.

ZEIT: Warum?

Alexander: Es ist kein Geheimnis, dass die Demokraten das System der Masseninhaftierung mit in die Welt gesetzt und dass beide Clintons eine Politik der Härte verfochten haben, die verheerende Auswirkungen für people of color hatte. Bill Clinton hat den sogenannten Krieg gegen die Drogen massiv verschärft und eine Gesetzgebung unterstützt, die auf Drogendelikte mit dem Entzug von Bürger- und Menschenrechten reagierte, etwa dem Zugang zu sozialem Wohnungsbau und zu Lebensmittelkarten. Erschwerend kommt hinzu, dass die Regierung Clinton das Sozialprogramm der Familienbeihilfen für unterhaltspflichtige Kinder abbaute, eine katastrophale Maßnahme für arme Familien jeglicher Hautfarbe. Die Bilanz der Clintons in den Bereichen Verbrechen und Sozialhilfe ist unterirdisch.

ZEIT: Ausgerechnet die Regierung Clinton?

Alexander: Ja. Die Regierung Clinton hat einige der Gesetze zu verantworten, die für die afroamerikanische Bevölkerung besonders verheerend waren. Zusätzlich zu ihrem Eintreten für hohe obligatorische Mindeststrafen bei geringfügigen Drogendelikten hat sie die Todesstrafe ausgeweitet. Eine Summe von 19 Milliarden Dollar wurde in den Ausbau des Gefängnissystems gepumpt und der soziale Wohnungsbau um 17 Milliarden gekürzt. Ende der neunziger Jahre beauftragte die Regierung private Dienstleister damit, Gefängnisse in privater Trägerschaft einzurichten, und allein während Clintons Amtszeit stieg die Zahl der Gefängnisinsassen um 60 Prozent. Bill Clinton hat zu verantworten, dass jeder, der sich einer Drogenstraftat schuldig gemacht hat, und sei es der schlichte Besitz von Marihuana, lebenslang vom Bezug von Lebensmittelmarken ausgeschlossen werden kann. Hillary Clinton hat diese Politik aktiv unterstützt.

ZEIT: Aber ist das Grund genug, sie nicht zu wählen? Bill Clinton wird als "der erste schwarze Präsident" Amerikas gewürdigt. Das Wahlrecht ist eine Errungenschaft der Bürgerrechtsbewegung. Beide Clintons halten dieses Erbe in Ehren.

Alexander: Natürlich sollten die Menschen wählen gehen und dabei ihrem Gewissen folgen. Für Hillary Clinton zu stimmen ist die einzige Möglichkeit, eine Präsidentschaft Trumps zu verhindern. Aber wer mit seiner Wahlentscheidung Trump stoppen will, drückt mit ihr nicht unbedingt Unterstützung für Hillary aus. Und für Hillary zu stimmen kann wirklich nicht als Erfüllung der Ziele der Bürgerrechtsbewegung beschrieben werden.