Wir Zeitgenossen der Gutenberg-Galaxis stellen uns Dichtung wie selbstverständlich als Buch vor. Und vergessen dabei, dass die geschriebene Literaturgeschichte nur der letzte Abschnitt einer viel älteren ist. Es gibt Sprachkunstüberlieferungen, die weder Schrift noch Druck, noch Buch gekannt haben. Weltliterarische Grundlagentexte wie die Homers sind viele Generationen lang durch schriftlose Zeiten gereist, bevor sie jemanden fanden, der sie niederschrieb. Märchen, Lieder, Mythen sind mündlich überlieferter Kernbestand. Es kann einem auf die Nerven gehen, wenn man Bob Dylan, den Literaturnobelpreisträger des Jahres 2016, einen "Barden" nennt. Aber auf den zweiten Blick trifft diese Dummvokabel wider Willen etwas Richtiges. Die keltischen Barden waren Sänger von Epen, die nicht schriftlich fixiert waren. Und Dylan hat ein dichterisches Werk geschaffen, das nicht als Buch gewürdigt, sondern nur im persönlichen Auftritt erlebt und allenfalls elektronisch aufgezeichnet werden kann. Seine angemessene Existenzform ist jene never ending tour, die Dylan seit 1988 um die Welt führt, in Turnhallen deutscher Provinzstädte ebenso wie in Fußballstadien der Metropolen.

Etwas Geheimes und nur für die mündliche Überlieferung unter Eingeweihten Bestimmtes haben auch die Metaphern und Erzähltraditionen, die er in seinem Werk ständig neu kombiniert. Das sind einerseits die Bibel und antike Texte (die in der Gegenwart nicht mehr gelesen werden und längst den Status von Geheimtexten haben), aber auch die verschiedenen Traditionen apokalyptischer Prophetie, die platonische Erotik des Renaissance-Petrarkismus, halb verwischte Erinnerungen an die amerikanische Arbeiterbewegung und Kriminalgeschichte und an das Gedankengut gnostischer oder protestantischer Sekten. Als "song and dance man" (wie er sich selbst bezeichnete) hat er diesem poetischen background universe in den musikalischen Genres des Folk, des Rock ’n’ Roll, des Gospels und des Blues die Unmittelbarkeit und Durchschlagskraft vorschriftlicher Dichtungen performativ zurückgegeben. Sein Werk bildet den paradoxen Grenzfall oraler Literatur. Sie ist nicht in Büchern stillgelegt, sondern kommt als gesungene Performance zu sich selbst. Trotzdem (oder deswegen) hat das Dylan-Universum große literatur- und kulturwissenschaftliche Bücher inspiriert: in den USA die von Greil Marcus, Eric Lott und Sean Wilentz, in Deutschland diejenigen Heinrich Deterings.

Der subversive Charakter der Traditionsbestände, mit denen dieser esoterische Dichter arbeitet, kann erklären, dass er in der linkschiliastisch bewegten Generation, die um 1965 herum auf die Universitäten drängte, seine ersten und nachhaltigsten Erfolge feierte. Aber im Grunde beruhte das auf einem Missverständnis. Dylans artistische und gedankliche Positionswechsel handelten ihm auch bald genug Ärger mit den Politkommissaren der Babyboomer ein. Seinen ersten Konflikt musste er mit den Reinheitswächtern des Folk-Movement ausfechten, als er Mitte der sechziger Jahre seine Musik elektrifizierte. Später wurde seine evangelikale Phase ein Großärgernis für seine progressiven Fans.

Ich glaube, der tiefere Grund dafür, dass er mich (Jahrgang 1952) und viele andere meiner Generation unser ganzes Leben lang mit allem interessierte, was er gemacht hat (auch wenn wir es nicht verstanden oder anstößig fanden), besteht darin, dass Dylan das weithin sichtbare Exempel eines experimentellen inneren Lebens war. Seine Mentoren und intellektuellen großen Brüder fand der junge Mann in den späten fünfziger Jahren unter den Bohemiens des New Yorker Greenwich Village. Diese Vorbilder und Freunde hatten den experimentellen Impuls der New England Transcendentalists, John Deweys, des Black Mountain College und des abstrakten Expressionismus verinnerlicht. Der Beat-Poet Allen Ginsberg blieb zeitlebens ein Weggefährte. Aus diesem New Yorker Künstlermilieu stammt Dylans intellektuelle Methode des schnellen Stellungswechsels und die enge Verbindung von Poesie und Performance. Aber auch, dass er seine Songs bei jedem Auftritt bis zur Nichtwiedererkennbarkeit neu interpretiert, ist ein spätes Echo der großen Zeit von Greenwich Village, wo Jackson Pollock oder Franz Kline die letzten Künstler waren, die mit ihrem Material gerungen haben wie Jakob mit dem Engel.

Der letzte Donnerstag verwandelte sich bei der Nachricht von der Verleihung des Nobelpreises an Bob Dylan momentweise und träumerisch in einen Tag im Jahr 1985, als ich im Fernsehen sah, wie Joschka Fischer in jenen berühmten Turnschuhen als hessischer Umweltminister vereidigt wurde. Ich war Fischer gelegentlich in der Karl-Marx-Buchhandlung begegnet, die ein paar Häuser von unserem entfernt in der Frankfurter Jordanstraße lag. Er gehörte, wie oft ich mich auch über ihn ärgerte oder über ihn spottete, zu mir. Jetzt war er in einen öffentlichen Beachtungs- und Bedeutsamkeitsraum vorgedrungen, der dadurch definiert schien, dass einer von uns dort nichts verloren hatte. Es war ein Moment des Erwachsenwerdens. Am 13. Oktober 2016 habe ich einen vergleichbaren Moment des Staunens, des Angekommen-Seins, des Mitgemeint-Seins, des Jetzt-mitverantwortlich-Seins gehabt. Aber auch das Gefühl, dass eine Gestalt meines Lebens endgültig alt geworden ist.