Was für ein Moment, als die Nachrichten verkündeten, dass Bob Dylan in diesem Jahr den Nobelpreis für Literatur erhalten wird. Mit einem Mal waren all die elenden Gestalten vergessen, die ansonsten unseren Alltag bestimmen, die Trumps, Le Pens und Orbáns dieser Welt, für einen ewigen, köstlichen Augenblick konnte es so scheinen, als gäbe es doch noch Gerechtigkeit auf unserem Planeten; und ich schämte mich nicht der Rührung, die mich ergriff, als ich die Nachricht hörte, nicht einmal der Tränen, die mir wider Willen kamen.

Was an diesem singenden Poeten so groß ist, das es vollends gerechtfertigt erscheinen lässt, ihm den Preis zuzusprechen, ist vielleicht gar nicht leicht denen zu erklären, die sich nicht bereits in seinem Bann befinden. Es begann vor etwa fünfzig Jahren, als einer der vielen Songs aus seinem Mund – ob es nun Like a Rolling Stone war, Mr. Tambourine Man oder It Ain’t Me Babe, spielt beinah keine Rolle – plötzlich mir, nein, uns aufschloss, wie wir uns zukünftig zu dieser Welt stellen und uns in ihr verhalten sollten: mit Distanz, aber ohne Verrat unserer Bindungen, mit Sympathie für die Schlechtergestellten, aber ohne die auftrumpfende Gebärde des Besserwissens, mit dem Bewusstsein des Alleinseins, aber ohne die bedrückende Empfindung, damit allein zu sein. Spielerisch hat Dylan, ohne es wissen zu können, die Kluft zwischen dem Existenzialismus der fünfziger Jahre und dem Geist der Revolte der siebziger Jahre geschlossen, hat den Gestus des trotzigen Individualismus in den Strom der solidarischen Bewegungen hinüberretten können. Wie es dem Sänger gelang, diese widerstreitenden Gefühlsmomente in seinen Liedern zu versöhnen, ist nur durch die ihnen eigene Verschränkung von Lyrik und Tonfolge zu erklären: Bilder von suggestiv-verwirrender Kraft, die existenzielle Schlüsselsituationen der Liebe, der Abkehr vom Vertrauten, des plötzlichen Zusammenfindens oder des verzweifelten Rauschs beschreiben, werden in mal blueshafter, mal folkartiger, mal rockiger oder mal gospelähnlicher Weise vorgetragen, was nie ganz ohne Spannung zum inhaltlich Erzählten bleibt. So gelingt, was ansonsten nur große Poesie vermag, allerdings im Medium des Allerverständlichsten, dem unerschöpflichen Strom der Musik des nordamerikanischen Kontinents: das Festhalten der Erfahrung, in der disparaten Vielzahl unserer je individuellsten Empfindungen doch einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten anzugehören. Und wer glaubt, diese Quelle des rockpoetischen Neuschaffens sei irgendwann versiegt, der kreative Impuls im Laufe der siebziger Jahre verloren gegangen, der sollte sich einige der späten Lieder des singenden Dichters anhören: Songs wie Workingman’s Blues #2 oder Not Dark Yet veranschaulichen mit dunkler, melancholischer Kraft, wie man älter werden und sich doch dem Wandel der Zeiten ästhetisch gewachsen zeigen kann.

Wie gut, dass das schwedische Preiskomitee den Mut besaß, die Grenzen des Literarischen neu zu ziehen. Als der durch die Welt reisende Bänkelsänger am Donnerstagabend auf einer Bühne in Las Vegas seine never ending tour fortsetzte, so wird berichtet, ließ er die tektonische Erschütterung, die seine Auszeichnung für unsere Kultur bedeutet, mit keinem Wimpernschlag erkennen – ein stoischer Walt Whitman unserer Tage, der uns mit knarrender Stimme davon singt, wie wir uns ohne Verrat unseres vielstimmigen Ichs als Glieder einer umfassenderen Bewegung begreifen können, die sich den Verfehlungen dieser Welt widersetzt.