Seit Jahren durchleuchten Kommissionen die NS-Vergangenheit deutscher Ministerien und Behörden. In der vergangenen Woche wurde der Forschungsbericht "Die Akte Rosenburg" veröffentlicht, der zeigt, wie stark nationalsozialistisch belastetes Personal das Justizministerium prägte. Nun erscheinen die Ergebnisse zur Geschichte des Bundesnachrichtendiensts.

Im Juli 1963 steckte der Bundesnachrichtendienst in einer tiefen Krise, nachdem bekannt geworden war, dass in seinen Reihen zahlreiche Doppelagenten und SS-Männer tätig waren. Verständnisvolle Unterstützung erhielt der Auslandsnachrichtendienst jedoch in einem langen Artikel von Marion Gräfin Dönhoff in der ZEIT. Sie lobte die "souveräne Gelassenheit" und das "präzise Gehirn" des BND-Chefs Reinhard Gehlen und erklärte beschwichtigend, die wenigen Belasteten mit SS-Rang seien meist nur übergeleitete Polizeibeamte.

Seit den sechziger Jahren wissen wir es besser und künftig noch viel genauer. Denn die "Unabhängige Kommission zur Erforschung der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes 1945–1968" hat nicht weniger als 13 archivgestützte Bände angekündigt, die den BND und seinen Vorläufer, die "Organisation Gehlen", detailliert durchleuchten. Einen derartigen Umfang hatten früher Editionen zur Weltgeschichte. Alle Studien können sich auf umfassenden und bislang exklusiven Aktenzugang stützen. Auf den ersten Blick mag dieser wachsende Bücherberg an das neue BND-Gebäude in Berlin erinnern: ein sichtbarer Koloss, der Transparenz ausstrahlen soll, diese aber durch seine unübersichtliche Größe und beschränkten Zugang einhegt.

Die ersten Bände versprechen jedoch spannende Erkenntnisse. Gerhard Sälters Buch über die Phantome des Kalten Krieges ragt dabei heraus. Es zeigt anschaulich und gut belegt, wie Gehlens Geheimdienst in den fünfziger Jahren Journalisten, Intellektuelle, Opfer des Nationalsozialismus und demokratische Politiker verdächtigte, überwachte und mit schlampig ermittelten Gerüchten denunzierte. Dabei jagte er einer kommunistischen Unterwanderung der "Roten Kapelle" nach, ohne auch nach Jahren handfeste Beweise für dieses Netzwerk aufzuspüren.

Als Anlass reichte oft ein Kontakt zu jemandem aus dem Widerstand, ein ähnlicher Nachname oder eine kritische Äußerung zur Westintegration. Agentennetze wähnte Gehlens Nachrichtendienst etwa im Springer-Verlag und im Sender NWDR unter dessen Intendanten Adolf Grimme, wo angeblich eine eigene Funkverbindung nach Moskau bestand. Beobachtet und verdächtigt wurden selbst christdemokratische Politiker wie der CSU-Justizminister Josef Müller und Adenauers erster Staatssekretär Otto Lenz, die im Nationalsozialismus beide den Widerstand unterstützt hatten. Der "Organisation Gehlen" galt das als Beweis für ihre Unzuverlässigkeit. Auch Elisabeth Noelle-Neumann wurde bespitzelt und denunziert. Schließlich verdächtigte Gehlen 1954 der CIA gegenüber sogar Adenauers Staatssekretär Hans Globke, dieser könne ein Spion Moskaus sein und sich für ein neutrales Deutschland einsetzen.

Die "Organisation Gehlen" wollte so Einfluss auf die Politik nehmen und sich Adenauer als wachsamer Inlandsgeheimdienst empfehlen, um auch die Arbeit des Verfassungsschutzes zu übernehmen. Ihr antikommunistisches Weltbild war durch den Nationalsozialismus geprägt. Gerade bei der Jagd nach der "Roten Kapelle" beteiligten sich zahlreiche Gestapo- und SS-Männer, wie Sälter an verschiedenen Lebensläufen zeigt.

Diese Männer überführten den Mythos einer straff geführten, von Moskau gelenkten "Roten Kapelle" vom "Dritten Reich" in die Bundesrepublik. Ihre Quellen waren denkbar trübe und stammten auch aus dem Umfeld der rechtsextremen SRP. Die Frage, welche Konsequenzen die Beschuldigungen für die Denunzierten hatten, spart Sälter weitgehend aus. Beeinflussten sie Karrieren oder Aufträge? Unklar bleibt zudem, inwieweit die "Organisation Gehlen" sich nur in Phantomjagden verstrickte oder auch die realen Spione der DDR identifizierte. Zustimmen kann man Sälters generellem Befund, dass diese Jagd das antikommunistische Klima anheizte und als Warnung vor Kontakten nach Ostdeutschland wirkte.