Wie überhaupt auffällt, dass Emcke zwar emphatisch kulturelle Diskriminierungserfahrungen analysiert, ihr aber die soziale Frage dabei weitgehend aus dem Blick gerät. Vielleicht ist es derzeit ein grundsätzliches Problem linker Publizistik, dass sie die allerfeinsten Verästelungen rassistisch oder geschlechtlich motivierter Kränkungen erforscht, aber beispielsweise notorisch unterschlägt, dass die Zuwanderung zu sozialen Konkurrenzsituationen vor allem in der Unterschicht führt. Hier dürfte der Ratschlag, die Leute sollten mal ihre logo- oder phallozentristischen Metaphern hinterfragen, wenig ausrichten. Und wer sich die Dumpf- und Dummheit einiger mental verwahrloster ostdeutscher Milieus näher beschaut, kommt vielleicht doch eher auf den Gedanken, dass die über acht Jahrzehnte betriebene Entbürgerlichung durch Nazis, Kommunisten und Trash-TV mehr Unheil angerichtet hat als die nach akademischen Maßstäben unfeinen Vorstellungen von Körper, Geschlecht und Sprachgebrauch.

Man hat das ungute Gefühl, dass bei Emcke abgeleitete Oberflächenprobleme als zentrale begriffen werden, während die sozialen hard facts ganz in den Hintergrund rücken. Vielleicht aber darf man von einem Buch, das die Flüchtlingskrise im Fokus hat, doch erwarten, dass zumindest ansatzweise erklärt würde, welche Herausforderungen eine Gesellschaft an ihren sozialen Rändern zu bewältigen hat, die sich einer beruflich unqualifizierten Zuwanderung ausgesetzt sieht. Es irritiert überhaupt die Neigung der Autorin, fast allen unbequemen Fragen zur Zuwanderung zielsicher auszuweichen. Was folgt etwa aus der bekannten Entlarvung der Nation als Fiktion, außer dass man eher auf Verfassungspatriotismus setzen sollte? Eine maximal liberale, weitgehend kriterienfreie Zuwanderungspolitik? Oder ein brutal rigides Punktesystem, wie es klassische Einwanderungsstaaten praktizieren? Und welche politische Strategie würde ein größeres Konfliktpotenzial in sich bergen?

Allein der fromme Wunsch, der Gesellschaft neue Sehgewohnheiten oder eine neue Rhetorik verordnen zu können, um Ressentiments zu unterwandern, führt jedenfalls bestimmt nicht weit. Übrigens auch deshalb nicht, weil gerade die Beschwörung von Differenz, Flexibilität und Vielfalt von den Abgehängten, deren Mieten durch die Gentrifizierung steigen, nicht selten als ein neoliberal-dekadentes Projekt der Globalisierung begriffen wird, dem sie sich alternativlos ausgesetzt sehen.

Carolin Emckes Buch endet mit einem emphatischen "Lob des Unreinen", wo all das Struppige, das Unhomogene, das radikal Individuelle einer Großstadt wie Berlin gefeiert wird, die im Kontrast stehe zur "monokulturellen Provinz". Diesem Geschmacksurteil mag man als Rezensent zustimmen, ob sich daraus eine allgemeingültige Norm ableiten lässt, darf aber stark bezweifelt werden. Es gelte, schreibt Carolin Emcke, "kulturelle und religiöse und sexuelle Vielfalt nicht nur zu dulden, sondern auch zu feiern". Dieser Wunsch ist verständlich, aber vermessen. Man kann als Schwerbehinderter und zugewanderter Pole, als Syrerin, als alter weißer Mann, als Schwuler, als Dicke oder als Jude mit gutem Recht Gleichberechtigung und Toleranz einfordern. Zuneigung hingegen lässt sich nicht verordnen.

Carolin Emcke: Gegen den Hass.
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2016; 240 S., 20,– €

Carolin Emcke - "Mich haben die Raster des Hasses interessiert" Carolin Emcke, ausgezeichnet mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, ist fasziniert von dem Hass, der sich anders Denkenden gegenüber ausbreitet. Das ganze Gespräch mit Ijoma Mangold