DIE ZEIT: Herr Bundeskanzler, bei Ihrem Amtsantritt wurden Sie als Österreichs Messias bezeichnet, ein Blatt nannte Sie gar Alpen-Obama.

Christian Kern: Das war der Zeitpunkt, an dem ich wirklich Angst bekommen habe!

ZEIT: Sie sahen sich beim ersten Auftritt genötigt, festzuhalten, dass sie nicht über Wasser wandeln können. Ihre Magisterarbeit haben Sie über die Mechanismen des Hoch- und Runterschreibens von Spitzenpolitikern verfasst. Ist das eine österreichische Spezialität?

Kern: Wir sind mit überschießenden Wertungen ganz besonders schnell. Uns fehlen oft die Foren, in denen man Politik ernsthaft diskutieren kann, um dann im Urteil eine gewisse Mäßigung zu erreichen.

ZEIT: Sie haben in der FAZ einen langen Aufsatz geschrieben als Teil einer Serie mit dem Titel Zerfällt Europa? Ihre Erklärung für das Erstarken populistischer Bewegungen in nahezu allen Ländern war, dass es vor allem die Abstiegsangst sei, welche die Menschen bewegt. Wäre eine Karriere, wie Sie sie gemacht haben, heute noch möglich? Sie stammen ja aus relativ kleinen, also normalen Verhältnissen.

Kern: Ich bin davon überzeugt, dass diese Karriere möglich ist, gerade durch die Veränderung unserer Wirtschaftsstruktur, Stichwort Start-ups. Aber man muss schon aufpassen: Wir führen hier einen Elitendialog. Die Lebenswirklichkeit für viele Menschen schaut nicht so aus, dass sie ein Unternehmen gründen, Investoren finden oder eine tolle Karriere in einem Konzern machen können. Und wenn Sie sich Trump-Unterstützer anschauen oder die Präsidentschaftswahlen in Österreich, den Aufstieg der AfD, den Brexit oder das Phänomen Le Pen, dann finden Sie ein und dasselbe demografische Muster.

ZEIT: Nämlich?

Kern: Viele Menschen fühlen sich deklassiert.Wir wissen, dass die Globalisierung das größte Wohlstandsprojekt der Menschheitsgeschichte gewesen ist, sie hat unglaublich viele Menschen aus der Armut befreit. Aber der Mechanismus, dass wir die Früchte der gemeinsamen Arbeit verteilen, hat in unseren Breiten, in den entwickelten Gesellschaften, zuletzt nicht mehr gut funktioniert. Damit ist dem Gefühl der Sicherheit der Boden entzogen worden. Das halte ich für einen problematischen Vorgang in der Gesellschaft, der das europäische Projekt erodieren lassen kann. Insofern ist der Titel Zerfällt Europa? nicht ganz falsch. Wir haben uns jetzt mit dem Brexit auseinanderzusetzen. Aber wenn im kommenden Frühjahr Marine Le Pen im Elysée-Palast sitzt, dann wird das eine Herausforderung, die das europäische Projekt an seine Grenzen bringen wird.

ZEIT: Vorher gibt es ja auch ein paar europäische Herausforderungen. An ein und demselben Tag könnte Herr Hofer die Präsidentschaftswahl gewinnen und Matteo Renzi sein Verfassungsreferendum in Italien verlieren. Was wäre das für ein Signal an Europa?

Kern: Kein gutes. Dahinter steckt eine Politik der Obstruktion jener politischen Strukturen, die wir nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa aufgebaut haben. Aber die Menschen, die FPÖ, Trump oder Le Pen wählen, haben gar nicht die Erwartungshaltung, dass sich durch diese Wahlentscheidung ihre Lebensverhältnisse verbessern.

ZEIT: Sondern?

Kern: Ich habe mit vielen gesprochen, die FPÖ wählen, und gefragt, ob sie wirklich glauben, dass dadurch etwas besser wird. Die werden nämlich gar nichts für sie tun. Die Antwort dieser Leute war immer wieder: Eh nicht, aber darum geht’s mir gar nicht. Sie wollen das System und die Eliten auf den Knien sehen. Weil sie sich deklassiert, ausgeschlossen und nicht ernst genommen fühlen.

ZEIT: Warum ist dem Establishment und den etablierten Parteien nichts eingefallen, um die FPÖ in Schach zu halten?

Christian Kern - "Ich bin stolz darauf, was wir erreicht haben" Der österreichische Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) hat davor gewarnt, in der Diskussion über eine Flüchtlingsobergrenze populistischen Forderungen nachzugeben. Im ZEIT-Gespräch verteidigte er die Hilfe für Flüchtlinge im September 2015. © Foto: Felipe Kolm/DIE ZEIT