Es ist ein Desaster: Wenn sich die Faust um den Zelluloidstreifen schließt, zerbröselt der Film wie Zwieback. Manchmal ist das Material in der Aluminiumdose aber auch so hart, dass man die Rolle gar nicht mehr abspulen kann. "Wir sagen Eishockey-Puck dazu", erläutert George Willeman, Filmrestaurator der amerikanischen Library of Congress. Ein Film, der sich aufgrund von Alter oder unsachgemäßer Lagerung zersetzt, ist aber auch eine olfaktorische Belästigung: "Diese Filme beginnen nach Essig zu riechen. Der Geruch ätzt einem die Haare in den Nasenlöchern weg. Wenn man jetzt nicht handelt, ist ein Werk für immer verloren." Noch einmal greift der Restaurator zu der Filmdose und kippt sie so, dass die Brösel zu tanzen beginnen: "Schade, das war das Originalnegativ von George Meliés’ Der wandernde Jude." Er führe einen Kampf gegen die Zeit, sagt Willeman, den er eigentlich nicht gewinnen könne. Denn 75 Prozent des Materials aus der Stummfilmzeit sei bereits unwiederbringlich verloren.

Der Mitarbeiter der größten amerikanischen Institution zur Bewahrung und Sicherung von moving images ist einer von Dutzenden Archivaren, Kuratoren, Kritikern und Regisseuren, die in Cinema Futures, einem Film des österreichischen Regisseurs Michael Palm, über Gegenwart und die prekäre Zukunft des Kinos reflektieren und spekulieren. Nach den Filmfestspielen von Venedig ist die Dokumentation nun auch bei der Viennale zu sehen.

Es geht um die digitale Revolution, die in den letzten Jahren stattgefunden hat, und um die Konsequenzen, die diese fundamentale Umwälzung für den traditionellen Film hat, der nach 120 Jahren glorreicher Kinogeschichte zum Minderheitenprogramm geworden ist. Es geht aber auch um die Frage, was mit den Bildern und Erinnerungen an unsere und vergangene Zeiten in den kommenden Jahren und Jahrzehnten passieren wird.

Da gibt es zum einen jene, die mit gewaltigem Einsatz von finanziellen Mitteln und Arbeitskraft versuchen, das audiovisuelle Gedächtnis der Menschheit in Form des analogen fotochemischen Filmstreifens für die Archive und die Filmmuseen zu bewahren. Und dann die anderen, die sich längst damit abgefunden haben, dass die Zukunft digital sein wird und der traditionelle Film eine aussterbende Gattung ist: ein Museumsstück, das keine Massenbasis mehr hat und in cinephilen Aufführungsorten unter privilegierten Bedingungen für ein fachkundiges Publikum gezeigt wird. "Diese Haltung ist mir eigentlich nicht sympathisch", sagt Michael Palm, "das erinnert an Gastrokritiker-Veranstaltungen und macht die Cinemathek zum visuellen Äquivalent eines Gourmettempels." Der Film sei jedoch immer ein populäres Medium für die Massen gewesen, ohne Weihrauch und Heiligenschein: "Ich bin überhaupt nicht gegen das Digitale, das wäre heuchlerisch. Ich arbeite ja selbst längst mit digitalen Medien. Aber ich vertrete die Meinung, dass die analoge Option weiterhin möglich sein muss."

Das Filmgeschäft in den kommerziellen Kinos und Cineplexen findet allerdings längst schon unter volldigitalen Bedingungen statt: Es gibt keine Filmstreifen mehr, die mechanisch bewegt werden, und keine ratternden Projektoren, sondern nur noch einen Server, das sogenannte DCP, Digital Cinema Package, das Bild- und Tondaten in einem speziellen Format enthält und beinahe vollautomatisch auf die Leinwand bringt. Mit dieser neuen Form der Projektion wurde die ganze Inftrastruktur der traditionellen Filmpräsentation obsolet. Statt Filmrollen umzuspulen, startet der Vorführer, dessen Beruf vom Aussterben bedroht ist, nunmehr den Streifen per Mausklick. Trotz des durchschlagenden Erfolges der Digitalisierung im Kino bleibt die Technologie aber mit Problemen behaftet: Sie eignet sich nur begrenzt für die Langzeitsicherung von Filmen, weil digitale Files schneller verloren gehen können als belichtete Zelluloidstreifen. Und sie zwingen zur permanenten Migration der Daten, weil alle paar Jahre neue Trägermedien und Abspielsysteme entwickelt werden. "Das digitale Medium ist ein äußerst unsicheres Gefährt", sagt der experimentelle Filmemacher Peter Kubelka, der in den sechziger Jahren das Wiener Filmmuseum gegründet hat und damit schon per definitionem für den analogen Film als Kunstwerk kämpft.