Ich habe gerade mein Kind vor die Tür gesetzt, weil ich mir nicht mehr anders zu helfen weiß. Ich. Mir. Vielleicht ist die Situation für meinen Sohn gar nicht so schlimm. Vielleicht ist es ihm egal, dass ihm nach seinem Abitur schon zwei Jahre im Internet verloren gegangen sind, dass er keine Ausbildung beginnt. Vielleicht schärft er beim Spielen im Netz sogar das strategische Denken? Vielleicht ist das, was ich "daddeln" nenne, die beste Vorbereitung der Generation Y auf das neue Arbeitsleben?

Erst in den letzten Jahren ist mir klar geworden, dass ich mit solchen Fragen nicht allein bin. In meiner Verzweiflung auch nicht. In Hamburg sind laut einer Studie sieben Prozent aller Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren von Computerspielsucht betroffen. Je älter sie werden, desto einfacher wird die Flucht ins Internet.

Wie oft habe ich versucht, meinem Sohn den Laptop wegzunehmen oder besser: ihn ihm zu entreißen. Dabei hat die Technik unser Gerangel häufig nicht ausgehalten. Einmal zerbrach der Bildschirm, ein anderes Mal hielt der Stecker dem Gezerre nicht Stand. Immer wieder brachte ich das Gerät voller Reue in die Reparatur, denn ich war ja der Verursacher. Danach konnte mein Sohn sein Leben am Laptop einfach fortsetzen.

Seine Suchtkarriere begann nach einem Auslandsaufenthalt. Bis dahin hatte ich mit unseren Kindern die Vereinbarung, täglich nur eine Stunde Medien zu konsumieren, egal ob Fernsehen, DVD oder Computer. Streng. Selbstverständlich war das keine einvernehmliche Regelung, aber wir haben es einigermaßen geschafft, sie einzuhalten. Erst als mein Sohn mit 16 Jahren aus den USA zurückkehrte, hielt er sich nicht mehr daran. Es fiel ihm schwer, sich wieder in Deutschland einzufinden, mitten in der Pubertät, dieser schwierigen Phase.

Andererseits: Während ich beruflich viel unterwegs war, auch außerhalb von Hamburg, wusste ich, dass mein Sohn sicher zu Hause ist, beim besten Freund, dem Computer. Besser jedenfalls, als Drogen zu kaufen, sich auf der Reeperbahn volllaufen zu lassen oder irgendwo zwischen Hansaplatz und Hauptbahnhof zu versacken.

Diese Gedanken halfen mir, ein Auge zuzudrücken. Ich wusste noch nicht, dass ich der Sucht damit ermöglichte, Besitz von ihm zu ergreifen. Vielmehr dachte ich, dass mein mit Büchern und Naturverständnis erzogener Junge sich irgendwann selbst anöden würde, Tag für Tag im Mief der eigenen vier Wände. Ein sportlicher Junge, der doch hoffentlich nicht auf dem Sofa erschlaffen will. Ein Irrtum.

Beim Spielen im Netz wird das Glückshormon Dopamin freigesetzt. Mehr Antrieb, mehr Befriedigung, größere Motivation. Level um Level wird das Belohnungssystem im Gehirn immer stärker vom Internetspiel bedient. Dabei muss man nicht einmal seinen Hintern vom Stuhl heben.

Störte ich dieses "Idyll" meines Sohnes, gerieten wir aneinander. Mit lautem Geschrei, aber auch Handgreiflichkeiten. Danach schenkten mir die Nachbarn stets mitleidige Blicke. "Ich hätte fast die Polizei angerufen", sprach mich irgendwann doch einer an – die Szene in unserer Wohnung habe sich gefährlich angehört. Hätte er es doch nur getan, dachte ich in jenem Moment, betäubt von Ohnmacht, die mich in solchen Zeiten lähmte. Aber ich sagte es nicht. Aus Scham.

Mein Sohn konnte eben noch mit Kopfhörer ruhig auf dem Sofa liegen, im nächsten Moment aber voller Wut durch die Wohnung springen. Wenn ich ihm die "Höllenmaschine" wegnahm, stürzte er sich auf mich. Dabei flogen Stühle gegen die Wand, Töpfe an die Eisschranktür – was gerade in Griffnähe lag, schleuderte er zu Boden. Ein Türrahmen ging zu Bruch, weil ich mich samt Laptop eingeschlossen hatte. Die Spuren in unserer Wohnung hinter der schönen Altbaufassade erzählen von diesen Dramen.

Menschen, denen ich unsere Situation schildere, reagieren verstört. Solche Geschichten sind ein Tabu. Aber es gibt sie hinter vielen Familienfassaden. Und alle versuchen, den schönen Schein zu wahren.

Anfang des Jahres schildere ich Michael Lohmann meinen Fall. Er hat Psychologie studiert, arbeitet als Familientherapeut bei der Hamburger Suchtberatungsstelle Kö*Schanze und beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema.

Sein Eindruck: Ich sei viel zu lange nicht in der Lage gewesen, Entscheidungen zu treffen und das Schuldgefühl einer berufstätigen Mutter abzuschütteln. Das helfe nicht weiter. "Die Eltern müssten etwas ändern, am besten schon in der Schulphase, wenn man sieht, dass so was kommt."

Aus vertraulichen Gesprächen mit Eltern weiß er, was in Familien wie der unseren passiert. Dass manchmal ganze Wohnungen kurz und klein geschlagen werden. "Nach einem Wutanfall gehen die Jugendlichen in ihr Zimmer und kommen nicht wieder heraus. Auch nicht, um zur Schule zu gehen. Schlechtere Schulleistungen drücken dann wiederum aufs Selbstwertgefühl." So bekommt die Sucht immer neue Nahrung.