Hauptsache, Italien, so könnte die Überschrift des deutschen Bücherherbstes 2016 lauten. Und noch unter dem Weihnachtsbaum wird der Süden massiv präsent sein. Das liegt natürlich an Elena Ferrante, deren erster Teil ihrer Tetralogie Meine geniale Freundin bereits eine Auflage von 250.000 Exemplaren erreicht hat; im Januar können sich die Fans auf den zweiten Teil stürzen. Aber seit Montagabend liegt es auch an Bodo Kirchhoff: Der 68-jährige Schriftsteller, der in Frankfurt und am Gardasee wohnt, erhielt den diesjährigen Deutschen Buchpreis für seinen Roman Widerfahrnis, der eine Novelle sein möchte und größtenteils in Italien spielt.

Zweifellos war diese Entscheidung der Jury eine echte Überraschung, unter den erstaunten bis irritierten Beifall im Kaisersaal des Frankfurter Römers mischten sich Buhrufe. Als Favorit war Thomas Melle mit seinem von der Kritik gefeierten autobiografischen Bericht Die Welt im Rücken über seine bipolare Störung ins Rennen gegangen, eher Sachbuch als Belletristik. Melle saß bereits zum zweiten Mal in diesem Saal, 2014 stand er mit seinem Roman 3.000 Euro auf der Shortlist. Nun ging er erneut leer aus. "Keine Experimente" – das hat sich offenbar die Jury gesagt, die vielleicht nach dem Nobelpreis für Bob Dylan keine große Lust auf die Debatten um einen erweiterten Literaturbegriff hatte; stattdessen zeichnete sie klassischen Lesestoff eines Lokalmatadors aus. Die ästhetisch originellen Romane von Brigitte Kronauer oder Christian Kracht hatte die Jury nicht einmal auf der Longlist berücksichtigt.

Literarisch überzeugt diese Wahl nicht. Dieses Buch verblasst nicht nur gegenüber Kirchhoffs beiden letzten, deutlich stärkeren Romanen Die Liebe in großen Zügen und Verlangen und Melancholie. Sondern die spontane Tour im BMW Cabrio, zu der in Widerfahrnis ein Ex-Kleinverleger jenseits der sechzig namens Reither mit einer wenig jüngeren, ihm bis eben völlig unbekannten Frau namens Leonie Palm gen Süden aufbricht, endet stilistisch oft im rotweinseligen Kitsch unter südlicher Sonne – Liebe und Flüchtlinge inklusive. Zwei reifere Menschen sind ein Widerfahrnis für einander und lassen in Italien ihre Beschädigungen der vergangenen Jahrzehnte Revue passieren – Melancholie und Aufbruchssimulation immer dabei. Als sie in Sizilien auf ein 12-jähriges Mädchen treffen, wohl ein Flüchtlingskind, erleben sie neuen Sinn im Helfen. Nun ist Kirchhoff so geschickt, das sprachlich überzuckerte Pathos durch eingebaute, den Stil kritisch kommentierende Sätze zu relativieren. Aber dieses Hilfsmittel reicht nicht aus, um genügend Distanz zu seinen Figuren herzustellen – hier schreibe ich, ich will nicht anders. Was Kirchhoff nicht stören dürfte; seine Prosa will die Trivialitäten gewöhnlicher deutscher Mittelschichtstimmung widerspiegeln.

Diese Preisvergabe bedeutet zweierlei: Die Auszeichnung ist erneut ein Erfolg für einen kleinen Verlag, die Frankfurter Verlagsanstalt, und deren Verleger Joachim Unseld, der in den vergangenen Jahren sich oft lautstark über die Preisvergabe beschwerte. Und nachdem der Deutsche Buchpreis 2015 an Frank Witzels komplexes Werk Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 ging, schlug nun das Pendel zurück – weg von avancierter Romankunst, hin zu gefühliger Stimmungsliteratur.