Frage: Wie ist es, den Glauben zu verlieren?

Emmanuel Carrère: Es gibt ein Vorher und ein Nachher. Doch verloren wird der Glaube nicht in einem Moment; das geschieht allmählich, als ob er an Intensität verlöre, als ob die Farben verblassten. Eines Tages stellt man fest: Ich glaube ja gar nicht mehr daran. Es ist nichts Plötzliches, nichts Abruptes.

Frage: Sind Sie sich heute Ihres Unglaubens so sicher wie damals Ihres Glaubens?

Carrère: Zu einem Zeitpunkt meines Lebens war ich gläubig, nun bin ich es nicht mehr. Aber es ist egal, ob ich glaube oder nicht. Ich mag Gläubige nicht, die ihrer Sache so sicher sind, dass sie für Ungläubige nur Verachtung oder Mitleid übrig haben. Ich kann auch Ungläubige nicht leiden, die sagen, Gläubige seien per se veraltete Dummköpfe. Auch wenn ich selbst nicht glaube, versuche ich doch, mich in jemanden einzufinden, der glaubt.

Frage: Was heißt denn glauben?

Carrère: Die einen glauben, ohne zu fragen, weil ihre Eltern gläubig waren; von denen gibt es immer weniger, jedenfalls in unseren Gesellschaften. Anderen ist das alles egal, für sie stellt sich die Frage gar nicht mehr; davon gibt es ziemlich viele bei uns. Und es gibt eine dritte Kategorie, Leute, für die diese Frage offen ist, die sich gestört fühlen durch die Begriffe der Kirche, Kirche ist für sie ein Glaubenshindernis. Davon gibt es ziemlich viele, und ich bin einer von ihnen – sicher auch viele Leser meines Buches. Das ist keine gelöste Frage, die Akte ist noch nicht geschlossen, aber es gibt so ein kirchliches, sakrales Vokabular, das man nicht mehr hören will.

Frage: Woran denken Sie dabei?

Carrère: Etwa an den Begriff der Sünde. Das geht auch vielen in der Kirche auf die Nerven, auch vielen Priestern. Nachdem mein Buch erschienen war, schrieben mir viele Priester, dass es sie erschüttert habe, aber dass es ihnen auch gutgetan habe. Es hat sie froh gemacht, dieses Buch zu lesen, weil es sie nötigte, sich zu fragen: Worum geht es in meinem Glauben? Woran glaube ich wirklich? Wenn ich das Credo spreche: Was genau glaube ich eigentlich?

Frage: Gretchenfrage: Was glauben Sie, jetzt, als Ungläubiger?

Carrère: Im Credo gibt es keinen Satz, an den ich glaube. Ich glaube nicht, dass Christus zurückkehren wird, um die Lebenden und die Toten zu richten, ich glaube nicht an die katholisch-apostolische Kirche, aber es gibt etwas in den Worten Christi, an das ich doch glaube. Es sind Worte voller Kraft und Leben.

Frage: Sie glauben ja auch, dass am Ostersonntag, damals, etwas geschehen ist. Was denn?

Carrère: Für die Gläubigen: die Auferstehung. Für die Ungläubigen ereignete sich etwas Seltsames. Dass sich nämlich eine kleine Gruppe von Leuten einredete, dieser unbedeutende Prediger sei auferstanden. Damit begann das extrem seltsame Phänomen, dass mehr und mehr Leute daran glaubten. Bis heute. Wir haben uns daran gewöhnt, da schreckt niemand mehr auf und sagt: Oh, das Christentum ist doch eine der bizarrsten Erzählungen, die man sich vorstellen kann. Ich habe versucht, diesen Firnis der Gewohnheit wegzuwischen; ich wollte das Seltsame des Christentums ermessen.

Frage: Die Auferstehung ist eine Tatsache, zumindest in der Fiktion: Sie haben an der TV-Serie The Returned mitgeschrieben. Darin kehren Tote zurück und nehmen ihren Platz unter den Lebenden wieder ein.

Carrère: Ich wollte den Skandal aufzeigen, wörtlich den Stein des Anstoßes, den dieses Phänomen bedeutet.