Eine Frau kann nicht schlafen. Sie steigt im Dunkeln aus dem Ehebett und irrt durch den Bungalow, den sie mit ihrem Mann bewohnt. An der Fensterbank besprüht sie Orchideen. Irgendwann überkommt sie doch noch die Müdigkeit, sie schläft auf dem Teppichboden im Wohnzimmer ein. Am nächsten Morgen hört man aufgeregte Kinderstimmen. "Mama, wir haben verpennt!", rufen sie. Die Stimmen kommen aus dem Fernseher, der noch immer läuft. Die Frau schaltet ihn aus, bereitet ihrem Mann das Frühstück zu und verabschiedet ihn zur Arbeit. Schnitt.

So beginnt Gleißendes Glück, die Verfilmung eines Romans der schottischen Schriftstellerin A. L. Kennedy, und schon diese erste Szene zeigt, dass Filmregisseur Sven Taddicken um die Beschränkungen seines Mediums weiß – und um dessen Möglichkeiten. Wie er mit Dekor und Kulissen umgeht, wie er die Handlung auffächert, ohne die Romanvorlage allzu sehr zu erweitern oder zu beschneiden, das gehört zu den Stärken seines Films.

Gleißendes Glück erzählt von Helene Brindel (Martina Gedeck), die die Nähe zu Eduard E. Gluck sucht (dampfplaudernd: Ulrich Tukur), einem populären Hirnforscher, Ratgeberautor und Talkshowgast. Helenes asketische Hausfrauenexistenz wird vom Glanz dieses Mannes erfüllt, der eitel, aber eloquent ist, der sich weltgewandt und kulturbeflissen gibt – bis herauskommt, dass auch er ein einsames und klägliches Leben führt. Eine Rettung hat dieser Mann vermutlich viel nötiger als Helene. Und dann ist da noch Christoph (Johannes Krisch), Helenes misstrauischer und jähzorniger Gatte.

In ihrem Roman erzählt A. L. Kennedy diese Dreiecksgeschichte wie ein Kammerspiel: klaustrophobisch und ganz auf die Figuren konzentriert. "Es gibt so gut wie keine Ablenkung durch Außenräume", schrieb Susanne Mayer in ihrer Buchrezension in der ZEIT (Nr. 34/12). Dem entspricht Kennedys Rhetorik, sie ist ökonomisch, reduziert. Vieles bleibt ungesagt.

Der Roman erschien im Jahr 1997 und brachte seiner Autorin hymnische Kritiken ein (die New York Times bezeichnete A. L. Kennedy nach der Veröffentlichung als "eine Schriftstellerin der Weltklasse"). Dass es fast zwanzig Jahre dauerte, bis nun auch eine Verfilmung von Gleißendes Glück zu sehen ist, kann man als Hinweis darauf deuten, wie kompliziert die Übertragung auf die Leinwand war. Zehn Jahre, sagt der Regisseur Sven Taddicken, lagen die Filmrechte bei einem Produzenten in Hollywood, bis dieser sie verfallen ließ. Nun ist es also eine deutsche Firma, die den Stoff verfilmt.

Taddicken, der auch am Drehbuch mitgearbeitet hat, bleibt den Dialogen der Buchvorlage weitgehend treu und erzählt ansonsten ohne Worte. Schon in der Eingangsszene des Films wird das Einfamilienhaus zu einer erweiterten Gefängniszelle, die Orchideenpflege zur Ersatzbefriedigung. Das Leben von Helene ist einsam und lieblos; nicht einmal Kinder gibt es, die sie vernachlässigen könnte.