Nur – wozu dann Gebete und Gelübde? Oh, kein Problem, "diese Gebete und Gelübde, die guten und schlechten Handlungen, die heute geschehen, standen Gott schon vor Augen, als er den Entschluss fasste, die Dinge zu regeln". Gewiss, "die ganze Zukunft ist bestimmt; daran besteht kein Zweifel; aber da wir nicht wissen, wie sie bestimmt, was vorgesehen oder beschlossen worden ist, so müssen wir unsere Pflicht tun nach der uns von Gott vorgegebenen Vernunft".

Aufgelöst ist der Widerspruch zwischen dem freien Willen und der Notwendigkeit damit natürlich nicht, was Leibniz dazu veranlasst, das Problem immer wieder zu umkreisen und sich oft genug in Formulierungen zu verrenken. Herabblicken sollten die Heutigen auf Leibniz’ Gedankenqualen nicht, denn das Problem bleibt noch immer ungelöst, nur verschiebt es sich allmählich aus der Philosophie in die Neurowissenschaften.

Wenn nun aber das Universum abschnurrt wie ein Uhrwerk und wenn Gott es geschaffen hat, woher kommt dann das Böse? Von Gott? Muss ja wohl.

Ein Widerspruch: Da Gott nur Gutes tut, muss es auch gut sein, dass es Böses gibt. Das Böse selbst muss gut sein. Wie das?

Die Theologie arbeitet bis heute an diesem Problem. Gott hätte auch eine Welt ohne Sünde ins Leben rufen können, schreibt Leibniz. Aber der Schöpfer habe, selbstverständlich, die beste aller möglichen Welten erschaffen, und das sei eben diejenige, in der es das Böse gibt: nämlich damit die Menschen es besiegen können.

Leibniz findet das logisch. Es ist ja auch ein Glück, das Böse zu besiegen. Aber wäre nicht mehr Glück in der Welt, wenn dieser Sieg überhaupt nicht nötig wäre? Und wer selbst das bestreitet: Hätte Gott nicht die Seelen so ausstatten können, dass sie den Sieg über das Böse gar nicht erst für ihr vollständiges Glück benötigten? An dieser Stelle antworten Theologen gern, der Mensch könne die göttliche Vernunft nicht erfassen. Das ist die beste aller möglichen Antworten. Nur leider beendet sie das Gespräch.

Leibniz wäre freilich nicht er selbst, fielen ihm nicht interessantere Argumente ein. Dafür verlässt er sogar den Anthropozentrismus, was für seine Zeit ganz außerordentlich ist, und widerspricht "jener alten, so verrufenen Maxime, dass alles nur dem Menschen zuliebe erschaffen sei". Und noch einmal: "Wir finden im Universum Dinge, die uns durchaus nicht gefallen, aber wir wissen auch, dass es nicht für uns allein geschaffen ist." Für wen noch? Leibniz erwähnt die Tiere. Außerdem "vernünftige Bewohner" anderer Welten im All (von diesen wird er bei seinem Freund Fontenelle gelesen haben).

Aber diese Gedanken schließt er nicht ab. Das hat durchaus Methode. Leibniz treibt seine philosophischen Überlegungen vor wie Probebohrungen im Bergwerk, sie bleiben Erkundungen. Einem Systemliebhaber wie dem preußischen Staatsphilosophen Hegel konnte eine solche Denkmethode nur missfallen. Abfällig schrieb dieser etwa 150 Jahre später, Leibniz habe "in den mannigfaltigsten wissenschaftlichen Fächern und Interessen mancherlei gearbeitet, sich herumgetrieben und zu tun gemacht", seine Gedanken bloß "erzählungsweise vorgetragen" und "eigentlich das Ganze seiner Philosophie weder übersehen noch ausgeführt". Das ist nur leicht übertrieben. Aber ein ausgefeiltes System aufzuschreiben wäre Leibniz wohl zu langweilig gewesen, obwohl er sein Denken gern sein "System" nannte.

Und zwar zu Recht. Denn er hatte einen Einfall, mit dem er die Welt systematisierte und für den er berühmt wurde, sozusagen sein Flaggschiff: die "Monaden". Auf seiner Suche danach, was die Welt im Innersten zusammenhält, die geistige Welt inbegriffen, kam er zu dem Schluss, dass es unteilbare Elemente geben müsse, in denen Materielles und Geistiges in eins falle. Alles, was existiert, wird von diesen Monaden reguliert, Sonne, Mond und Sterne, Stadt, Land, Fluss, Kaiser, König, Bettelmann. Diese Phänomene sind auch nicht, wie Leibniz’ Zeitgenosse Baruch Spinoza meinte, nur Aspekte einer einheitlichen Substanz, sondern ein ganzer kosmischer Zoo individueller Wesen. Die Welt besteht Leibniz zufolge aus vielen Individuen, und sie alle seien von Gott erschaffen.