Leider stand der Tempel nicht einmal 90 Jahre, bis römische Legionen unter dem Kommando des Titus ihn zerstörten, den Tempelberg umpflügten und die kostbaren Überreste nach Rom brachten.

Die jüdische Literatur kennt 70 Namen für Jerusalem. Darunter: Zion, Salem, Moriah, Ariel, Neve Tzedek (Sitz des Rechts), Bethel (Haus Gottes), Harel (Gottesberg) und Hamakom (der Platz). Die Römer, als sie Tabula rasa machten, nannten die Stadt Aelia Capitolina und verboten den Juden das Betreten. Den Verbannten blieben nur die Erinnerung und die Sehnsucht.

Bis heute ist Jerusalem mit dem Tempelberg im kollektiven Gedächtnis der Juden verankert als ein irdischer und himmlischer Ort zugleich. Allmählich, über Jahrhunderte hinweg, hat das jüdische Gebet den großen Gottesdienst im prächtigen Tempel ersetzt und die Studierstube den Tempel. Das Studium unserer Geschichte wurde beinahe zu einem neuen Ritual. Die Christen dagegen sahen die Zerstörung des Tempels als Beweis für den Verrat der Juden – und entwarfen eine theologische Gegenerzählung. Die christlichen Eroberer ließen den Tempelberg unbebaut, so als wollten sie an die Ablehnung Jesu durch die Juden gemahnen. Frühe christliche Denker allerdings sahen den Tempel als Metapher für Jesu Selbstaufopferung. Und Paulus verglich ihn mit dem Körper der Kirche: "Denn wir sind der Tempel des lebendigen Gottes!"

Die Muslime hingegen versuchten den Tempel der Juden zu ersetzen und auszulöschen. Im Jahr 691, kurz nachdem sie die Kontrolle über Jerusalem errangen, benannten sie den Bezirk auf dem Berg um in Haram al-Scharif und erbauten den Felsendom. Er soll an Mohammeds wunderbare "Nachtfahrt" von Mekka nach Jerusalem und in den Himmel erinnern. Ein achteckiger Schrein, Meisterwerk der Omaijaden-Architektur, trägt die arabische Botschaft auf seiner Innenseite: "Sag nicht drei! Gott ist ein Gott! Fern sei es seiner göttlichen Majestät, dass er einen Sohn haben sollte."

Heute fehlt der Tempel von Jerusalem, das spektakulärste Heiligtum seiner Zeit, fast vollständig in der archäologischen Forschung. Leider hat es nie Ausgrabungen auf dem Tempelberg gegeben – weil die muslimischen Autoritäten dies ablehnten. Es ist jedoch nicht so, dass sie Scheu hätten, die Ruhe des Ortes zu stören: Seit 1996 karrte Waqf etwa 13.000 Tonnen Erde vom Berg, um eine gigantische unterirdische Moschee an der Südostecke des Platzes fertig zu bauen. Trotz der lautstarken Proteste Israels verbot Waqf jedwede archäologischen Erkundungen.

Regelmäßig leugnen muslimische und palästinensische Geistliche, dass je ein jüdischer Tempel existiert habe. Fast genauso regelmäßig benutzen sie den von ihnen selbst provozierten israelischen Protest, um Muslime zu tödlichen Attacken anzustacheln. Scheich Mohammed Ahmed Hussein, seit zehn Jahren der Großmufti von Jerusalem, hat erklärt: "Die Al-Aksa-Moschee existiert seit 3.000 Jahren, seit 30.000 Jahren und seit der Erschaffung der Welt." Dieser Revisionismus ist historisch übrigens relativ jung. Ein historischer Stadtführer, herausgegeben 1930 von einem Supreme Muslim Council, bestätigte, dass der Haram al-Scharif "ohne Frage identisch" sei mit dem Tempelberg.

Heute sind die Tempel-Leugner allgegenwärtig. Ich habe das als Hochschullehrer in Jerusalem selbst erlebt. Fast 20 Jahre nach meinem ersten Gang zum Tempelberg unterrichtete ich Literatur und Philosophie an der palästinensischen Al-Kuds-Universität. Vor mir hatte dort noch kein Jude gelehrt. Als im Lehrplan das Lukas-Evangelium auftauchte, fühlte ich mich mit meiner Jeschiwa-Bildung auf unsicherem Grund. Also bat ich einen amerikanischen Christen – einen befreundeten Professor von der Harvard Divinity School –, eine Vorlesung über das Neue Testament zu halten.

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Meine Studenten waren neugierig und offen. Doch der Besuch wurde vom ersten Satz an zum Fiasko. "Um das frühe Christentum zu verstehen", so begann der Kollege, "müssen Sie den Zweiten Tempel kennen, aus dem es entstand." Meine Studenten, die besten des Westjordanlandes, beharrten sofort darauf, dass die Tempel des Salomo und des Herodes bloße Fiktion seien.

Für gläubige Juden ist das natürlich egal. Weder christliche Überheblichkeit noch muslimische Verleugnung, noch jetzt die Kurzsichtigkeit der Unesco werden ihre Bindung an ein Heiligtum kappen, das ihre Vorstellungskraft nun schon so lange befeuert. Es hat die Psalmen und den Talmud inspiriert, hat Verse über die "Flüsse Babylons" und die "Bräute Jerusalems" hervorgebracht.

Und ich? Ich lese den Tempelberg und Jerusalem als einen Palimpsest, ein Gewirr von Inschriften über einem Gewirr von Inschriften. Ich respektiere die Vielfalt des Ortes. Vieles ist möglich hier, nur keine Eindeutigkeit. Und jenseits des Streits, jenseits der Kämpfe rivalisierender Gläubiger behält für mich das Haus jenes Gottes, der unsichtbar geblieben ist seit Jahrmillionen, eine außergewöhnliche Kraft.

Aus dem Englischen von Evelyn Finger