DIE ZEIT: Frau Voigt, bevor wir anfangen, über die Boheme der DDR zu reden, müssen wir Ihnen ein Kompliment machen: Wenn man Ihr Buch liest, fällt einem auf, dass Sie in einer unglaublich schönen Sprache schreiben. Wo haben Sie das gelernt?

Jutta Voigt: Glück muss man haben, Talent reicht nicht.

ZEIT: Wie meinen Sie das?

Voigt: Ich geriet nach dem Philosophiestudium glücklicherweise zum Sonntag, der Zeitung des DDR-Kulturbundes. Der Sonntag – kleine Auflage, große Geschichte – war lange vor mir legendär geworden als "konterrevolutionäre Plattform". Dort zu arbeiten war ein bisschen schick und irgendwie Boheme. Es bedeutete Freiheit, in Maßen versteht sich. Der Chefredakteur, ein feiner Mensch von baltischem Adel, hat mich schreiben lernen lassen, ohne mich von vornherein auf Linie zu trimmen. Dem kam entgegen, dass das Verfassen von politischen Kommentaren so gar nicht mein Interesse war – zu langweilig.

ZEIT: Was wollten Sie?

Voigt: Ich wollte keinen Nachrichtenstil schreiben, sondern eher feuilletonistisch. Das Konkrete, das Detail, das scheinbar Unwichtige, der "Rand" waren mir wichtig. Es ging mir um den individuellen Blick, und der war in der DDR ein Problem. Eigentlich sollten wir Journalisten in den Texten nie ich sagen, ich habe trotzdem in der Ich-Form geschrieben. Auch, wenn das nicht gewünscht wurde.

ZEIT: Nun haben Sie ein Buch über die Boheme des Ostens, der DDR, geschrieben. Die Protagonistin dieses Buches, Madleen, ist Redakteurin, wie Sie es waren. Und sie gleicht Ihnen in vielem anderem auch. Warum schreiben Sie dieses Mal nicht "ich", warum haben Sie diese Figur erfunden? Alle anderen Figuren im Buch sind ja real, alle anderen Namen und Geschichten echt.

Voigt: Mein zweiter Vorname ist Madleen, aber trotzdem ist die Erzählerin meines Buches nicht ganz mit mir identisch. Ich spiele gern mit dem Ich. Einerseits war ich Teil dieser Boheme und andererseits nicht. Ich war immer fest angestellt, hatte eine Familie, zwei Töchter, ich ging nachts an die Orte der Boheme, verließ sie aber relativ frühzeitig wieder. Mein Naturell ist es, ein Zuschauer zu sein.

ZEIT: Sie erzählen, wie die 17-jährige Oberschülerin Madleen am Abend in die Möwe stürmt, einen berühmten Künstlerclub in Ost-Berlin. Dort saßen die Schauspieler Armin Mueller-Stahl, Manfred Krug, Angelica Domröse und viele Leute vom Berliner Ensemble. Als ich das las, dachte ich: Wow, die hat aber Chuzpe!

Voigt: Soll ich Ihnen sagen, warum? Ich habe damals für die Sibylle gemodelt. Ich war auf der Straße von Thea Melis, die leitende Redakteurin war, angesprochen worden, ob ich ihre Kollektion in der Kunsthochschule Weißensee zeigen will. Das habe ich gemacht. Scheinwerferlicht macht größenwahnsinnig, wenn man siebzehn ist ...