Martin Ahrends lebt als Schriftsteller in Berlin. © Christine Oppe

Hannes feiert seinen runden Geburtstag im Pfarrhaus der kleinen Elbstadt, wo er aufwuchs. Mir ist das eigentlich zu weit, doch dann ruft er von dort am Vorabend an, verzweifelt: Er habe seine Notenkiste daheim gelassen und ohne seine Noten könne er nicht feiern. Nun denn, jetzt hab ich einen triftigen Grund und fahre gleich zu Hannes’ Wohnung. Seine Frau empfängt mich: Er habe sich mit seinen Musikern verabredet, sie wollten den ganzen Tag in der Kirche proben und abends ein Konzert geben. Da würden sie und die Kinder nur stören. "Wie gut, dass du hiergeblieben bist", sage ich, "sonst wäre ich nicht an die Notenkiste gekommen."

Früh am nächsten Morgen fahre ich los, unterwegs besorge ich Backwaren für zehn Leute und was man sonst zum Frühstück braucht. Als ich an der Elbe eintreffe, ist mein Frühstück sehr willkommen, denn die Herberge rechnet mit Selbstversorgern.

Jetzt erst verstehe ich Hannes’ Art zu feiern: Die Musikerkollegen sind seine Geburtstagsgäste und sein Fest besteht darin, mit ihnen den ganzen Tag zu musizieren. Mit den meisten von ihnen hat er schon in unterschiedlichen Besetzungen in den altmärkischen Kirchen konzertiert, doch seine Jugendfreunde sind inzwischen Profis und können es sich kaum noch leisten, für schmales Honorar auf Tour zu gehen. Dieser Probentag ist ihr Geburtstagsgeschenk an ihn. Ich schleiche mich in die Kirche: Hannes verteilt Noten, man spielt an, vertieft sich, bricht ab. Manches ist zu schwer für so ein spontanes Konzert vom Blatt, manches gefällt nicht, aber es bleibt doch genug, um zwei Konzerte damit zu bestücken, also hat man die Wahl, die dann am Mittagstisch getroffen werden soll. Mittagstisch? Ich frage Hannes, wer sich darum kümmert. Er zuckt die Schultern: "Wir alle", sagt er, und ich bitte ihn, das übernehmen zu dürfen. Ich kaufe ein, koche und salatiere, man isst und diskutiert, man singt und lacht. Und legt das Programm fest, das gleich für die einheimischen Abendgäste in den Kopierer geht.

Der Nachmittag geht mit den Durchspielproben hin. Und wieder hab ich meine Freude an ihrer Freude: an ihrem nahen Beieinandersein im Musizieren. Sie sind so selbstvergessen unverstellt, wie man es bestenfalls im Spiel sein kann. Ja, sie spielen miteinander, aber nicht wie Kinder. Beim Musizieren kann man sich zeigen und annähern wie auf kaum eine andere Weise sonst. Und nur eine Kirche hält stets ihren hohen Raum offen für diese Menschen-Näherung. An Festtagen und runden Geburtstagen, aber auch sonst, Stunde um Stunde, Tag für Tag ist das ihr hoher Hauptzweck. Vergnügt wie selten gehe ich daran, rechtzeitig vorm Konzert das Abendessen zu bereiten.