Liebes Meer,

das hier ist eine Liebeserklärung, aber vorher muss ich Dir etwas gestehen: Ich habe Angst, wenn Du versuchst, mich zu berühren. Fuß geht gerade noch, aber wenn mir kurz danach das Wasser bis zum Halse steht, fürchte ich mich, steigt eine unerklärliche Panik in mir hoch. Menschen, die sich vor Vergnügen kreischend in Deine Brandung stürzen, ja, die bewundere ich. Ich mag Dir nicht mal nahe kommen, wenn Du glatt wie ein Tischtuch vor mir liegst.

Ich kann schwimmen, aber es sieht nicht wirklich danach aus. Ich bekomme den Kopf nicht unter Wasser, nicht mal mit einer Nasenklammer. Ich hatte mal auf dem Gymnasium in Turnen eine Sechs. Das war das Jahr, in dem alle ihren Freischwimmer machten. Nur ich nicht. Ich habe den Sprung vom Einer nicht geschafft. Ich habe es nicht mal versucht.

Dabei gebe ich mir stets große Mühe, nassforsch zu erscheinen. Ich war sogar schon auf Segeltörns im Mittelmeer. Während alle fröhlich ins warme Wasser sprangen, stieg ich das Treppchen backbord hinab, das ich fortan nicht mehr aus den Augen und auch nicht aus den Händen ließ.

Lieben Sie jemand? Und wenn ja, woraus schließen Sie das?

Zwei von zahlreichen genialen Fragen, die Max Frisch in seinen Fragebögen gestellt hat.

Ja, ich liebe Dich, Meer.

Meinen Mann liebe ich auch. Woraus ich das schließe? Dass ich immer wieder, sobald ein bisschen Zeit ist, in Deiner und seiner Nähe sein will. Er weiß um meine Liebe zu Dir, trägt das sehr gelassen und hat mir neulich, an einem wunderschönen Strand in Südafrika, vor Deinen Augen sozusagen, ein Gedicht geschrieben.

Aus heiterem Himmel heiser / faucht das Meer. / Der Wind schiebt Wellen, dass es kracht. / Die weiße Gischt schafft sich Gehör, / man ahnt, / wer das beherrscht, / hat wirklich Macht.

Schenk ich Dir, das Gedicht, wenn wir uns wiedersehen. Wie Du mich erkennst? Ich bin die, die einfach nur dasitzt und Dich anhimmelt.

Christine Westermann, 67, ist Journalistin, Fernseh- und Radiomoderatorin