Ja! sagt Hannes Leitlein

An sich ist der Konsument eine tragische Figur: Er verhungert beim Versuch, ein guter Mensch zu sein. Sosehr er sich auch müht, es ist schlicht nicht möglich, nicht auf Kosten anderer zu leben. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich seine Tragik schönzureden – und das bessere Leben wenigstens zu probieren.

50 Millionen Küken werden in Deutschland jährlich bei lebendigem Leib vergast oder geschreddert, weil sie keine Eier legen und uns ihr Fleisch nicht schmeckt. Männliche Küken sind Nutztiere, die nicht gebraucht werden. Rein rechtlich spricht nicht einmal das Tierschutzgesetz gegen ihre Vernichtung. Wer darüber hinwegsieht, soll kein schlechter Mensch sein?

René Descartes war ein Meister der Beschönigung: Die Tiere seien wie Maschinen, meinte der Philosoph. Leid? Papperlapapp. Alles eine anbetungswürdige Täuschung. Im Schmerz der Tiere erkannte er lediglich, wie genial der Schöpfer sie doch geschaffen hat. Wer eine philosophische Rechtfertigung für die Kükenvernichtung gesucht hat, hier ist sie. Für alle anderen ist es, na ja, kompliziert.

Immer mehr Menschen wollen die Küken retten. Das süße gelbe Ding berührt ihr Innerstes – den Dotter sozusagen. Eine Biomarktkette stellt deshalb jetzt auf bruderfreundliche Hühnerhaltung um. Die Küken sollen leben dürfen, 17 Wochen, und dann, so Gott will, zumindest einen Sinn darin finden, gegessen zu werden. Der Tod ist für die Küken unausweichlich. Warum nicht vier Cent pro Ei mehr ausgeben für vier Monate glückliches Kükenleben? Dass es Menschen gibt, die sich keine Bioeier leisten können, kann kein Argument für alle sein, sie gar nicht zu kaufen. Wer die nötige Kaufkraft hat, ist nicht besser, aber besser gestellt. Eigentum verpflichtet – auch zu besserem Essen.

Es wäre naiv, hinter einem Bioladen mehr zu sehen als einen Lebensmittelriesen, der eine Marktlücke entdeckt hat. Die Gesetze des Marktes werden durch die Entscheidung nicht aufgehoben. Die Maßnahme folgt keiner weltverbesserischen Absicht. Der Bioriese will nicht weniger Eier verkaufen, sondern mehr. Solange Profit und Absatz die Wirtschaft bestimmen, wird sich daran wenig ändern. Von einer einzelnen Kaufentscheidung die Revolution zu erwarten wäre zu viel verlangt. Aber deshalb konventionell einkaufen und abwarten, bis sich die Gesetzmäßigkeiten von alleine ändern?

Eine Einzelperson wird auch nie alle Eventualitäten überblicken. Wer weiß, ob das Fairtrade-Siegel den Kaffeebauern in Tansania oder Indien wirklich hilft? Aber deshalb den Versuch unterlassen? Konsumenten sollten die Macht, die sie haben, nutzen. Akzeptanz in der Bevölkerung führt zu politischer Machbarkeit. Keine Partei wird mit einem Thema in den Wahlkampf ziehen, wenn die Position keine Wählerstimmen verspricht. Am Kaufverhalten lässt sich die Akzeptanz mancher Positionen vorhersehen. Legen Konsumenten Wert auf Tierschutz, werden Tierrechte gestärkt. Kaufen mehr Menschen kükenfreundliche Eier, wird ein Verbot des Kükenschredderns wahrscheinlicher. Dosenbier ist innerhalb kürzester Zeit aus den Regalen verschwunden, warum sollte das hier nicht auch möglich sein?

Wirtschaft soll den Bedarf decken, die Bedürfnisse stillen. Sie steht im Dienst des guten Lebens, nicht Einzelner, sondern der ganzen Gemeinschaft. Die Ökonomie ist das Gesetz der Hausgemeinschaft. Dazu gehören biblisch auch die Tiere. An diesem Haus mit gutem Willen und nach Kräften mitzuwirken bedeutet, ein guter Mensch zu sein. Ein striktes Verbot jeder Tiertötung lässt sich biblisch zwar nicht begründen, jedoch ist jedes getötete Tier ein problematischer Eingriff in das Leben. Fleisch zu essen wird überhaupt nur erlaubt, nicht weil der Mensch etwa über die Tiere herrscht, sondern weil er nicht widerstehen kann. Der Konsument ist kein guter, aber er kann versuchen, ein besserer Mensch zu sein.