* 24. 3. 1926 - † 13. 10. 2016

Nähe zur Macht hat ihn immer gereizt. Dario Fo wurde dennoch kein Hofnarr. Höfe waren ihm zu eng und langweilig – auch die modernen Höfe, die Sendeanstalten. Er bevorzugte offene Bühnen, die ihn an die Marktplätze erinnerten, auf denen er als Kind den Schmugglern und Fischern zugehört hatte, die dort, in Porto Valtravaglia am Lago Maggiore, ihr Garn gesponnen hatten. Allerdings erreichte er dann doch das Publikum eines Hofnarren: weil Fo die Majestäten, Exzellenzen und Hoheiten, derer er spottete, auf die Plätze hinablockte, auf denen er sich postiert hatte. Sie wollten die Possen, Parodien, Travestien schon mitbekommen, mit denen er sie unsterblich machte. In seiner Kunstsprache namens Grammelot, die mit autoritären, Weltläufigkeit simulierenden Stotterakkorden durchsetzt war, in seinem rasenden, den Wesenskern unzähliger realer Gestalten über die Bühne fegenden Spiel konnte er alles sagen – wie ein Kind, das Tonfall und Habitus der Eindruckschinder imitiert, von denen es terrorisiert wird.

Es war der lebenslange Kampf gegen Einschüchterung, der dem Dramatiker, Komiker, Schauspieler, Agitator Dario Fo (und leider nicht auch seiner kongenialen Partnerin Franca Rame) 1997 den Literaturnobelpreis einbrachte. Er bekam ihn nicht für überragende Sprachkunst, sondern für seinen ansteckenden Löwenwitz. Er besaß die Bühnenpräsenz eines Jongleurs oder Feuerschluckers, und die Flammen, die er spie, hatten stets einen plausiblen Wutursprung.

Natürlich verspottete er auch den obersten Einschüchterer, den Gott der Katholiken, nebst dessen eingeborenem Sohn: Das Gelächter, so Fo, sei ein Laut des Zweifels, also der Vernunft. Fos Leben war begleitet von Prozessen und Auftrittsverboten, sein Werk lässt sich als ein Kräftemessen, Verrücken, Definieren von Grenzen (der Freiheit beziehungsweise des Erlaubten) darstellen, und das oberste Kabinettstück dieses unerschrockenen Hanswursts war das Auf-offener-Bühne-verhaftet-Werden: So zwang er die Macht dazu, Teil seines Spiels zu werden.

Das künstlerische Programm, das hinter diesem Trick steckt, hatte Dario Fo dem Helden seines Stücks Zufälliger Tod eines Anarchisten in den Mund gelegt. Dieser Mann sorgt dafür, dass ein Justizirrtum aufgedeckt und ein zu Unrecht ad acta gelegter Fall neu aufgerollt wird, ja er lässt keinen Stein auf dem anderen in den Behörden, die er heimsucht. Er hat sich in seinem Leben schon als Arzt, Polizist und Bischof ausgegeben und ist wiederholt verhaftet worden. Fos Protagonist sagt von sich, er habe eine histrionische Persönlichkeitsstörung, abgeleitet von histrio, dem lateinischen Wort für Schauspieler: "Mein Hobby ist Rollenspielen. Nur dass ich für das realistische Theater bin, deshalb müssen meine Mitspieler echte Menschen sein ..."

Der leidenschaftliche Histrionom (oder Histriograf?) und grandiose Spieler Dario Fo wurde 90 Jahre alt. Viele Würdenträger der kritischen Fachwelt missgönnten ihm den Nobelpreis mit demselben Argument, mit dem sie es im Fall des aktuellen Preisträgers Bob Dylan tun: weil das betreffende Werk vom leibhaftigen Spiel des Urhebers nicht zu trennen sei und für sich allein nicht genügend literarische "Gültigkeit" besitze. Fo starb genau an dem Tag, als Dylan der Preis zugesprochen wurde. Dylan schweigt grimmig zur Ehre, die ihm widerfuhr; aber vielleicht hat er in diesen Tagen einen Gruß hinauf zum Himmel über Porto Valtravaglia geschickt.