So, Zeit für ein bisschen Sport. Das ewige Schreibtischsitzen, die fettigen Pommes und die zehn Gläser Helbing-Schnaps am Wochenende tun nicht gut. Die Hausärztin hat schon komisch geguckt, als sie die Testergebnisse durchblätterte.

Aber welchen Sport bloß? Fußball mit den netten Kollegen aus dem Controlling? Bitte nicht, Hamburg hat schon genug Hobbykicker. Für Tennis fehlt uns der Stil, für Segeln das kreative Steuersparmodell. Erfinden wir also einen brandneuen Sport, mit Action, Überraschung und ganz viel Gefühl.

Man sollte ihn in einer Turnhalle ausüben, um wetterunabhängig zu sein. Gut wäre, die Spieler bewegten sich im Kreis, das macht schön schwindelig. Laufen beim Sport ist anstrengend, Rollschuhe müssen her. Und Gewalt, aber nur ein bisschen. Man darf rempeln und blocken, mit Schulter und Hüfteinsatz. Und wie ziehen wir uns an? Bitte was Witziges, für Instagram. Ein Tutu oder das alte Rockabilly-Kleid.

Was, den Sport gibt es schon?

Natürlich. Er heißt Rollerderby und wird vor allem von Frauen ausgeübt. In den USA wurde Rollerderby in den frühen Nullerjahren populär. Seit ein paar Jahren finden sich auch in Deutschland immer mehr Rollschuh-Teams zusammen, es gibt sogar eine eigene Bundesliga. Auf Tabellenplatz eins: die Hamburger Mannschaft Harbor Girls. Die gehören zum FC St. Pauli, und da passt Rollerderby auch ziemlich gut hin. Dass es hier nicht nur ums Höherschnellerweiter geht, sieht man schon bei der Teamaufstellung: Die Spielerinnen der Harbor Girls tragen stolze Noms de Guerre, einer schöner als der andere: Jeanne Dark, Rocca Rolldríguez, Holly Hellraiser.

Am Wochenende vom 22. und 23. Oktober kann man sich den geordneten Rollschuh-Krawall live anschauen, beim Legendary Kick-Ass Cup spielen die Harbor Girls gegen Mannschaften aus Amsterdam, Antwerpen und Helsinki. Und das auch noch in der Turnhalle des ehrwürdigen Gymnasiums Christianeum!

Die siebzig Seiten Regelwerk muss man vorher als Zuschauer zwar nicht durchlesen. Was man aber wissen sollte: Die Show basiert auf einem komplizierten Vorschriftensystem, auf wichtigen Raumregeln, die festlegen, welche Spielerinnen auf der Blocker-Position sich wie weit voneinander entfernen dürfen.

Deswegen rollen bei einem Match die meisten Fahrerinnen eng nebeneinander. Pack heißt dieser rempelnde Pulk, zu Deutsch: Rudel. Grob gesagt: Jedes Team hat eine Läuferin, die möglichst viele Gegner überholen muss – was die Packs wiederum zu verhindern versuchen.

Warum spielen das hauptsächlich Frauen? Hat das was mit Feminismus zu tun? Klar, man denkt bei der Rollerderby-Akteurin erst mal an die sogenannte starke Frau, wie sie im 21. Jahrhundert gefeiert und gefordert wird. Frauen, die sich durchsetzen; Frauen, die sich einen feuchten Rollschuh-Pups um Konventionen scheren. Beim Rollerderby ist jede willkommen, "ob klein, groß, dick, dünn, Studentin, Büroangestellte, Managerin oder Sozialarbeiterin", wie es auf der Website einer Mannschaft heißt.

Um zu verstehen, warum hauptsächlich Frauen Rollerderby spielen, reicht es, sich einmal in der Hochbahn, im Café oder auf der Straße Männer anzuschauen. Männer mit ihren verunsicherten, vulgären Gesichtsausdrücken und Gesten. Würde man diesen Gestalten zutrauen, sich so etwas Schönes, Fantasievolles, Neues auszudenken? Auf keinen Fall. Natürlich muss man es den Frauen überlassen, neue Sportarten zu kreieren.

Und das ist auch dringend nötig. Sport und Fitness haben die Herrschaft über die Feierabendgestaltung gewonnen. Wo man früher zu Popmusik eine Schachtel Zigaretten rauchte, sieht man jetzt abends die halbe Stadt auf dem Weg ins Fitnessstudio.

David Foster Wallace, der Romancier und große Kritiker unserer modernen Lebensverhältnisse, schrieb einmal, dass Sport der Ort sei, an dem eine bestimmte menschliche Schönheit sich zeigen kann. "Ihre Kraft und ihr Reiz sind universell. Sie hat nichts mit sexuellen oder kulturellen Normen zu tun. Womit sie aber zu tun zu haben scheint, ist die Versöhnung des Menschen mit der Tatsache, dass er einen Körper hat."

Schöner kann man es nicht sagen. Man muss nur eines hinzufügen: Versöhnung muss immer wieder neu gestaltet werden. Wir brauchen immer wieder neue Spiele, um uns mit den Körpern zu versöhnen, schönere, lustigere Arten der sportlichen Auseinandersetzung. Menschen, die sich in coolen Outfits auf Rollschuhen anrempeln, können sich in diesem Sinn wirklich sehen lassen.