Angela Rinn ist habilitierte evangelische Theologin, Mitglied der EKD-Synode und Pfarrerin in Mainz-Gonsenheim. Unter dem Namen Vera Bleibtreu schreibt sie Krimis. © Harald Oppitz/​KNA

Mein Vikar hatte mir nach seinem erfolgreich absolvierten Examen zum Abschied einen Rundflug über Mainz geschenkt. Er fand, es sei eine gute Idee, die Gemeinde mal aus einer anderen Perspektive kennenzulernen. Die Geschenkidee fand ich sehr witzig und großzügig (so einen Rundflug gibt es nicht zum Schnäppchenpreis!), die Sache mit dem Flug weniger. Schließlich donnern hier im Rhein-Main-Gebiet genügend Flieger über die Dächer, da muss ich nicht noch zum Fluglärm beitragen, zumal eine Ju 52, mit der diese Flüge bei uns durchgeführt werden, ordentlich Krach verursacht. Ich kenne auch alte Menschen, bei denen der Lärm dieser Flugzeuge angstbesetzte Erinnerungen hervorruft.

Also habe ich mich bei meinem Vikar herzlich bedankt und die Sache mit dem Flug auf sich beruhen lassen. Als mich etwas später eine Journalistin zu meiner Meinung über Rundflüge befragte, habe ich meine Auffassung wiederholt, und so stand es dann auch in unserer örtlichen Zeitung. Was dann losging, war ein veritabler kleiner Shitstorm.

Ich bin mir sicher, ich könnte auf der Gonsenheimer Kanzel verkünden, dass der HERR nicht auferstanden und der Apostel Paulus zum Buddhismus konvertiert sei, und niemand würde sich so aufregen, wie sich die Leute über meine Haltung zu "Tante Ju" echauffiert haben. Eine 94-jährige Seniorin aus Hamburg ließ verkünden, dass sie die Geräusche dieses Flugzeugs noch aus ihrer Arbeitszeit in einer Munitionsfabrik in bester Erinnerung habe und keinesfalls traumatisiert sei, im Gegenteil; ein älterer Herr meinte am Telefon, ich müsse mich nicht wundern, dass die Leute aus der Kirche austräten, wenn sich die Kirche gegen die Ju 52 und stattdessen für Flüchtlinge einsetzen würde.

Ich bekam Mails, in denen mich die Leute beschimpft haben, und Briefe, in denen man schrieb, ich solle mal auf dem Teppich bleiben und stattdessen Tante Ju fliegen lassen. Einer beschwor die Einheit der Befürworter: "Wir lassen uns von Leuten wie Ihnen unsere Tante Ju nicht nehmen!" Der Widerstand war auch in Leserbriefen engagiert, eine Journalistin hat mir später erzählt, dass kaum noch jemand öffentlich gegen das Flugzeug Stellung beziehen möchte. Die Wortwahl der älteren Herrschaften (es war tatsächlich kein jüngerer Mensch darunter) ließ mich teilweise an der Qualität der genossenen Erziehung zweifeln. Am Ende war ich froh, dass mir niemand die Fenster unserer Kirche eingeworfen hat.

Da soll noch einmal jemand sagen, Senioren seien bewegungsunfähig und wüssten nicht die modernen Kommunikationsmöglichkeiten zu nutzen! Zugleich war ich wirklich beeindruckt, wie viel Engagement man hervorrufen kann, wenn man etwas gegen ein altes Flugzeug sagt. Offenbar kommt es auf das Thema an. Als Praktische Theologin bin ich noch in der Reflexionsphase darüber, wie sich dieses Phänomen für den Gemeindeaufbau nutzen lassen könnte.