Petra Bahr leitet die Abteilung Politik und Beratung der Konrad-Adenauer-Stiftung. In ihrer Kolumne geht sie der großen Politik im Alltag auf den Grund. © Kulturrat der EKD

Mittlerweile weiß es jeder: In Sachsen läuft es nicht rund. Der ehemalige Musterstaat unter den östlichen Bundesländern kommt aus den Schlagzeilen nicht heraus. Aggressive Hälse dominieren die Einheitsfeier, Woche für Woche Wort-Barbarei vor Hochkulturkulisse. Ein potenzieller Attentäter, der erst flüchten kann und sich dann in seiner Zelle erhängt. Da ist der Weg zur verbalen Übertreibung nicht weit. Aber ein "failed state"?

Vielleicht war es nur witzig gemeint oder auch eine zynische Übertreibung, die sich in den Medien festgesetzt hat. Doch diese Überspitzungen richten riesigen Schaden an. Libyen ist ein "failed state", ein zusammengebrochener Staat. Was zurückbleibt, ist Chaos. Keine funktionierende Regierung, keine Justiz, keine verlässlichen Regeln und Gesetze, deren Einhaltung jemand überwacht. Keine Gesundheitsversorgung, kein Bildungssystem. Marodierende Banden, das Gesetz des Stärkeren, Kultur des Alleingangs, überkommenes Stämmerecht als Ordnungsmacht.

Für die Menschen ein Alltag im Überlebenskampf. Keine Frage, die Sachsen müssen neben kritischen Fragen aus aller Welt auch Spott und Hohn ertragen. Aber wenn ein überspitzter Vergleich sich festsetzt, verschieben sich die Kriterien. Was für eine Pointe im Kurznachrichten-Stil gut ist, darf nicht als Beschreibung durchgehen. Die Sprache bestimmt unsere Welt. Worte sind nie nur Worte. Sie geben vor, was wir sehen und was im Dunkeln bleibt. Ein Begriff beschreibt nicht nur, er formt auch die Wirklichkeit. Wir müssen heraus aus der Übertreibungsspirale. Erst dann können wir genau hinsehen.