Ein Friedhofsgärtner gerät aufgrund seiner Vorstrafen ins Visier der Ermittler: Kurt-Werner Wichmann, ein verurteilter Vergewaltiger. Er ist zum Tatzeitpunkt 40 Jahre alt und lebt nur 30 Kilometer entfernt vom Fundort. Wichmann war vom 10. bis zum 14. Juli 1989, damit also auch am Tag der Ermordung des heimlichen Liebespaares, krankgemeldet. Die Reinolds wurden an einem Sonntag getötet, da musste Wichmann ebenfalls nicht arbeiten.

Aber die Ermittler finden keine Anhaltspunkte dafür, dass Wichmann in Beziehung zu den Tatorten in der Göhrde steht. Außerdem stimmt sein Aussehen nicht mit dem Phantombild des Beutelträgers überein – denn: "Wichmann ist Brillenträger", heißt es in der Ermittlungsakte. Deswegen könne Wichmann zwar "nicht als Tatverdächtiger ausgeschlossen werden", andererseits bestehe "gegen ihn auch kein begründeter Tatverdacht". Die Akte wird daher "als unerledigt abgelegt".

"Diese Entscheidung ist schwer nachzuvollziehen", sagt Wolfgang Sielaff, der ehemalige Leiter des Landeskriminalamtes (LKA) Hamburg. Wenige Wochen nach den Göhrde-Morden war Sielaffs Schwester aus ihrem Haus verschwunden, und erst dieser Tage wurde geklärt, dass auch sie Opfer eines grausamen Verbrechens geworden war: Ihr Mörder war erwiesenermaßen der Friedhofsgärtner Kurt-Werner Wichmann. Sielaff hat unermüdlich an der Aufklärung des Falls seiner Schwester gearbeitet und mit diversen Fachleuten ein Täterprofil erstellt.

Es könnte sein, dass Wichmann identisch ist mit dem Göhrde-Mörder. Die ungeheure Brutalität, mit der die Doppelmorde begangen wurden, die sexuelle Komponente, die sich in der aufgeschobenen Bluse und dem aufgeschnittenen BH von Ingrid Warmbier zeigt, und auch der Sadismus passten zum Täterprofil Wichmanns. "Gut möglich, dass wir es mit einem Serienkiller zu tun haben", sagt Sielaff.

Damals konzentrierte sich die Polizei jedoch auf zwei andere Tatverdächtige. Einer ist der Ehemann der Frau Warmbier, ein Bäcker. Er soll, so die Theorie, vom heimlichen Verhältnis seiner Frau erfahren und einen Auftragskiller engagiert haben, der die Gattin samt Liebhaber erschießen sollte. Aus Versehen habe der aber zunächst die Reinolds erschossen. Der erste Doppelmord also bloß eine Verwechslung? Dummer Zufall? Schon die Tat als solche spreche dagegen, sagt der frühere LKA-Chef Sielaff. "Welcher Auftragskiller fesselt, entkleidet und quält seine Opfer, bevor er sie liquidiert?", fragt er. Er sieht einen Sadisten am Werk. Einen, der einen Lustgewinn daraus zieht, dass er zwei Menschen unter seine Kontrolle bringt.

Der andere Tatverdächtige ist der Förster – obwohl auch er, wie Wichmann, Brillenträger ist. Er wird von der Freundin seiner Ehefrau belastet. Diese habe ihr erzählt, ihr Mann habe gesagt, er selbst sei der "Göhrde-Mörder". Das gibt die Freundin im September 1993 der Polizei auch zu Protokoll. Das Haus des Försters wird daraufhin durchsucht, seine Waffen werden beschlagnahmt. Erst im Juli 1995 werden die Ermittlungen gegen den Förster eingestellt, obwohl er für den zweiten Doppelmord ein Alibi hatte. Unter dem schrecklichen Verdacht hat er zeitlebens gelitten. Auch deswegen erschießt er sich im Jahr 2005.

Es gibt konkrete Hinweise, die Wichmann in Verbindung bringen mit den Göhrde-Morden, die Polizei hätte sie nicht übersehen dürfen. Einen davon findet Wolfgang Sielaff 2013, als er auf eigene Initiative in jenes Haus bei Lüneburg fährt, in dem Wichmann fast sein ganzes Leben verbracht hat. 1993 war es bereits von der Polizei durchsucht worden. Aber offenbar nicht gründlich genug. Im geheimen, schallisolierten Zimmer, in dem die Polizei damals Waffen, Handschellen und eine Schießweste fand, stößt Sielaff 20 Jahre später in einem Regal auf mehrere Videokassetten, die noch von Wichmann stammen, eine davon ist beschriftet mit dem Kürzel XYZ2. Darauf ist eine Aufzeichnung der Sendung Aktenzeichen XY. Es ist die Folge vom 1. Dezember 1989, in der es um die Göhrde-Morde geht. Das ist kein Beweis. Aber es passt zum Narzissten Wichmann, der auch Zeitungsartikel und Fernsehsendungen über die von ihm ermordete Birgit Meier sammelte.

Ein weiterer Hinweis ist das Ergebnis einer BTX-Recherche, die man 1993 bei der Durchsuchung von Wichmanns Haus sichergestellt hatte. BTX war ein Online-Dienst der Bundespost, eine Art Vorläufer des Internets. Kurt-Werner Wichmann suchte hier nach Informationen zu Angehörigen von Bernd-Michael Köpping, einem der Ermordeten in der Göhrde. Auch diese Unterlagen waren lange verschollen.

Was Sielaff und seine private Truppe an Informationen zu dem Fall zusammengetragen haben, ist beachtlich – insbesondere im Verhältnis zu dem, was die zuständige Polizei in Lüneburg in den vergangenen 27 Jahren ermittelt hat. Denn es gibt zahlreiche Spuren, die bis heute nicht ausgewertet wurden. Sie stammen aus den Autos der Opfer.

Der Toyota von Bernd-Michael Köpping wurde in der Nähe der Kurklinik Bad Bevensen gefunden – mehrere Tage soll der Täter nach dem Mord damit herumgefahren sein. Auch im Auto der Reinolds, einem silbernen Honda, hat der Täter noch 60 Kilometer zurückgelegt. Dann hat er ihn unverschlossen und verdreckt in der Nähe des Bahnhofs Winsen/Luhe abgestellt. Im Auto der Reinolds fand die Polizei an der Kopfstütze des Fahrers Haare, die definitiv nicht von den Reinolds stammen. Die Polizei geht bis heute davon aus, dass es Haare des Täters sind.

Diese Haare waren die große Hoffnung des Ermittlers Dieter Weihser, der schon 1989 der Sonderkommission angehörte, die die Göhrde-Morde aufklären sollte. Er hat damals miterlebt, wie Nachbarn sich gegenseitig denunzierten, sich Spuren immer wieder als haltlos erwiesen. Der Aktenberg wuchs und wuchs. Heute füllt er acht Regalmeter. Der Fall hat Weihser nie losgelassen. Bis zu seiner Pensionierung vor vier Jahren hat er daran gearbeitet – ohne Erfolg.

Denn mit den Haaren gab es ein Problem: Es handelt sich um sogenannte telogene Haare, die spontan ausfallen und keine intakte Wurzel mehr haben. Das macht es schwierig, die DNA ihres Trägers zu bestimmen. Man hat nur einen einzigen Versuch, denn das Haar wird bei der Genanalyse zerstört. Als Weihser in Pension ging, sagt er, habe die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Bestimmung der DNA bei lediglich 60 bis 70 Prozent gelegen. Dieses Risiko war ihm zu hoch.