"Ich kann nicht nachvollziehen, dass über 20 Jahre Stillstand der Ermittlungen herrscht, weil man auf einen Fortschritt in der DNA-Analytik hofft", sagt hingegen Wolfgang Sielaff. Es gibt noch weitere Spuren, die lange nicht ausgewertet wurden. Die Sitze im Auto der Reinolds wurden mit Folien abgezogen. "Man kann davon ausgehen, dass sich auch Hautschuppen und damit Täter-DNA auf diesen Folien befinden", sagt Sielaff. Und es sei durchaus möglich, sie zu untersuchen. Aber mit der Auswertung hat man immer gewartet, bis ein Verdächtiger auftaucht.

Ungeklärt bleibt bislang auch, ob der Göhrde-Mörder einen Gehilfen hatte: Er ist mit dem Auto seiner Opfer davongefahren – aber wie ist er in die Göhrde gelangt? Hat ihn jemand gefahren?

Seit einigen Monaten gibt es bei der Polizeidirektion Lüneburg eine Ermittlungsgruppe, die sich der Göhrde-Morde noch einmal annimmt. Nach Informationen der ZEIT besteht sie allerdings bloß aus zwei Männern, einem Wirtschaftskriminalisten und einem Beamten kurz vor der Pensionierung. Ob jetzt endlich die Folie aus den Pkw mit Wichmanns DNA abgeglichen wird, ob eine Operative Fallanalyse gemacht wird, mit der man mehr über Tat und Täter erfahren könnte, dazu schweigt die Polizei. Mit dürren Worten erklärt ihr Pressesprecher: "Die Arbeit der Ermittler dauert an, sodass wir aktuell keine Angaben zu der Auswertung von Spuren, Hinweisen und detaillierten Ermittlungsergebnissen machen."

Anja K. ist oft am Grab ihrer Eltern und redet mit Ursula und Peter Reinold. "Ich kann erst dann einen Abschluss finden, wenn der Täter gefasst ist", sagt sie. Als ihre Eltern verschwanden, war sie 22 Jahre alt, eine blonde, aufmüpfige Schönheit, die sich dem strengen Vater und seinen vielen Regeln nicht fügen wollte und deshalb früh zu Hause ausgezogen war. Sie hatte eine eigene Wohnung, einen Job bei der Telekom. Ihr berufliches Leben sollte gerade beginnen, als der Anruf kam, der es für immer veränderte.

An einem Sonntag waren die Reinolds zum Picknick in die Göhrde aufgebrochen. Am Dienstag rief die 16-jährige Schwester, die noch zu Hause wohnte, Anja K. im Büro an. Die Eltern seien noch immer nicht heimgekommen. Anja K. holte ihre Schwester ab und fuhr mit ihr zur Polizeiwache in Hamburg-Bergedorf. Dort meldeten sie die Eltern als vermisst.

Anja K. fühlte sich damals "wie in Watte" gepackt. Der pedantische Vater, die verhassten Wanderurlaube im Schwarzwald, das Neun-Quadratmeter-Zimmer, das sie mit ihrer Schwester teilen musste – all das erschien ihr nun nicht mehr schlimm. Sie zog sogar wieder zu Hause ein, um der Schwester beizustehen.

Die ersten drei Wochen nach dem Verschwinden verbrachten die Töchter in "Lauerstellung", wie Anja K. sagt. "Wir dachten die ganze Zeit, gleich dreht sich der Schlüssel in der Tür um und sie sind zurück." Stattdessen kamen die Reporter. Von der Hamburger Morgenpost, der Bild, der Neuen Revue. "Wir haben jeden reingelassen", sagt Anja K., "wir waren naiv." Die Presse war sogar dabei, als die Schwestern einen privaten Suchtrupp zusammenstellten und in der Göhrde die Bäume mit Steckbriefen plakatierten.

Immer wieder meldeten sich Zeugen, die glaubten, die Reinolds gesehen zu haben: mal im Schwimmbad, mal auf Mallorca. Anja K. fragte sich, ob die Eltern, die bis dahin nicht gerade eine glückliche Ehe geführt hatten, beschlossen haben könnten, ein neues Leben anzufangen, ohne Kinder. Dann wurden die Leichen gefunden, die Polizei teilte es den Schwestern am Telefon mit. Die Presse witterte die ganz große Story. Einen Tag nach dem Fund der Leichen unterschrieben die Schwestern einen Vertrag mit einer Nachrichtenagentur. Darin heißt es: "Die Informanten stellen der Agentur exklusiv ihr gesamtes Wissen, Fotos und Textmaterial zum Thema ›Der Tod unserer Eltern: Unsere Situation davor und danach‹ ... zur Verfügung."

Damals hätten sie und ihre Schwester alles mitgemacht, sagt Anja K., weil sie glaubten, es könnte helfen, den Mörder zu finden. Im Nachhinein fühlt sie sich von den Medien bloß benutzt. Heute ist Anja K. 49 Jahre alt, eine blonde Frau mit blauen Augen und Lachfalten, ein fröhlicher, eigentlich lebenslustiger Mensch. Doch sie leidet noch immer unter depressiven Phasen und einer posttraumatischen Belastungsstörung. "Wie soll man damit leben, dass die Eltern tot sind und keiner weiß, wer es war?", fragt sie. Die neuen Ermittlungen wühlen sie auf, aber sie machen ihr auch Hoffnung. Wenn sie jetzt am Grab steht, sagt sie den Eltern: "Es sieht gut aus. Ich glaube, sie kriegen ihn."

Wolfgang Sielaff, der alte LKA-Mann, hat den Kontakt zu ihr aufgenommen und zu anderen Hinterbliebenen, deren Angehörige Wichmann-Opfer sein könnten. "Polizei und Staatsanwaltschaft müssen sich noch mehr mit der Situation der Opfer auseinandersetzen", sagt er. "Und die Opfer sind nicht nur die Toten, das sind auch die Familien, die nach so einem Verbrechen übrig bleiben." Seit seiner Pensionierung engagiert er sich beim Weißen Ring, einem Verein, der Opfer von Verbrechen und deren Angehörige berät. Sielaff selbst ist so ein Hinterbliebener, noch immer ist die Leiche seiner Schwester nicht gefunden. Das raubt ihm bis heute den Schlaf. Er sitzt den Lüneburger Kollegen im Nacken mit seinem Wunsch, auch die anderen Taten, die Wichmann begangen haben könnte, wieder aufzurollen.

Einen Menschen gibt es, der bei der Aufklärung dessen, was Kurt-Werner Wichmann getan hat, helfen könnte. Es ist sein zehn Jahre jüngerer Bruder. Dessen ehemalige Verlobte sagt über ihn, er habe "fast in einem Abhängigkeitsverhältnis zu Kurt-Werner" gelebt, ihn bei allem, sogar kleinsten Entscheidungen des täglichen Lebens, um Rat gefragt. Als Wichmann vor seinem Suizid auf der Flucht war, fuhr der kleine Bruder in Wichmanns Auto. Und in seinen Abschiedsbriefen gab Wichmann ihm Aufgaben auf, die sich als verschlüsselte Botschaften lesen lassen – etwa, er solle "einmal die Dachrinne über dem Kellereingang reinigen, aber sehr vorsichtig".

An einem dunklen Herbsttag im Jahr 2016 steht Wichmanns jüngerer Bruder am Rande Lüneburgs mit einem Schlauch in der Hand da und gießt Töpfe mit lilafarbener Herbstheide. Ein kleiner, stiller Mann.

"Würden Sie uns etwas über Ihren Bruder sagen?"

"Nein", lautet die bestimmte Antwort.

Der Mann sieht aus, als würde er für immer schweigen.