Sie gelten als elitär und unglaublich teuer – dabei sind sie für Studenten ohne Akademikereltern die Rettung.

Bachelor

Fünfhundertneunzig Euro pro Monat sind eine Menge Geld, wenn die Eltern einen Dönerladen betreiben. Wieso sollte man dieses Geld jeden Monat für ein Studium ausgeben? Für eines, das es an einer staatlichen Hochschule kostenlos gäbe? "Ja, und?", fragt die 25-jährige Elcin Ersoy. "Andere in meinem Alter geben 20.000 Euro für ein Auto aus. Ich stecke sie in meine Bildung." Ersoy ist die Erste ihrer Familie, die studiert. Ausgerechnet an einer privaten Hochschule, der SRH in Heidelberg. 21.240 Euro Studiengebühren wird Ersoy für ihr Studium der Sozialen Arbeit ausgegeben haben, wenn sie ihren Abschluss macht. Für ein Fach, das als brotlos gilt. Durchschnittlich steigen Absolventen dieses Studiengangs mit einem Jahresgehalt von 30.000 Euro in den Beruf ein.

Und das in einem Land, in dem das staatliche Hochschulsystem gute Bildung gebührenfrei bietet. Warum macht Ersoy das? Warum machen so viele andere Studenten das?

In Deutschland wachsen die privaten Hochschulen gerade enorm. Noch im Jahr 2000 schrieben sich nur drei Prozent der Studenten an einer privaten Hochschule ein, kirchliche mitgezählt. 2014 waren es schon zehn Prozent der Studienanfänger. Um zu verstehen, was da passiert, hilft eine weitere Statistik: 72 Prozent der Menschen im Alter zwischen 40 und 59, also die Elterngeneration heutiger Erstsemester, haben keinen Hochschulabschluss. Ginge es fair zu, müssten auch 72 Prozent der Studienanfänger aus Nichtakademikerhaushalten stammen. Tatsächlich sind es nur 30 Prozent. Die Hochschulen füllen ihre Reihen mit Akademikerkindern. Dazu passte die Feststellung aus dem eben veröffentlichten Nationalen Bildungsbericht, dass die soziale Schieflage an deutschen Hochschulen so stark wie sonst fast nirgendwo in Europa sei.

Viele staatliche Unis schrecken Bildungsaufsteiger systematisch ab

Viele staatliche Hochschulen der Bundesrepublik schrecken Bildungsaufsteiger ab. Und eröffnen den Privaten damit eine Nische – mit ihren Fächern und ihren Ausrichtungen erreichen sie "Zielgruppen, die den staatlichen verschlossen bleiben", sagt die Hochschulexpertin Andrea Frank vom Stifterverband. Andreas Keller von der linken Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, der Begeisterung für den privaten Uni-Sektor unverdächtig, sagt: "Viele staatliche Universitäten verschlafen einen Trend."

In der Öffentlichkeit prägen Elite-Schmieden das Bild der "Privat-Unis": die Business Schools in Oestrich-Winkel, Vallendar und Leipzig, die Bucerius Law School in Hamburg, die Universität Witten/Herdecke oder die Zeppelin-Universität am Bodensee. Doch deren Studenten sind eine Minderheit. Über 90 Prozent der Privat-Studenten sind an Fachhochschulen eingeschrieben, von denen viele außerhalb ihrer Region kaum jemand kennt: die Brand Academy in Hamburg zum Beispiel, die Fachhochschule Dresden oder die Fliedner Fachhochschule Düsseldorf. Auch haben sich ganze Hochschul-Ketten entwickelt: die FOM mit 29 Studienzentren, die Hochschule Fresenius mit sieben Standorten und die SRH-Hochschulen mit zehn.

Die privaten Fachhochschulen lassen sich nach einer Studie des Stifterverbands in drei Kategorien teilen: Die einen werten frühere Lehrberufe auf; Physiotherapie etwa gibt es nun auf Bachelor. Andere bieten sehr flexible Fern- und Teilzeitstudiengänge an, die man neben dem Beruf studieren kann. Weitere betreiben, häufig in Abstimmung mit regionalen Unternehmen, verschulte berufsorientierte Studiengänge.

So bieten die privaten Hochschulen ein Verständnis von Hochschulbildung, das jenen nicht fremder sein könnte, die, wie der Münchner Philosophieprofessor Julian Nida-Rümelin, regelmäßig vor dem "Akademikerwahn" warnen. Doch der Boom der privaten Hochschulen und der Ansturm von Studenten aus bildungsfernen Schichten lässt nur eine logische Schlussfolgerung zu: Die privaten sind die sozial offeneren Hochschulen, trotz Studiengebühren.

Als Elcin Ersoy die 10. Klasse abschließt, scheint ihr Weg vorgezeichnet: Wie ihre Mutter soll sie eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau machen, in einem Elektronikmarkt in Freudenstadt. Doch nach der Lehre spürt Ersoy, dass sie einen anderen Antrieb hat: den Wunsch, mit Kindern zu arbeiten, Jugendlichen Orientierung zu geben. Sie macht ihr Abi nach, parallel fragt sie in der Grundschule um die Ecke nach einem Praktikumsplatz. Ihre Eltern sagen: Wenn es das ist, was du willst, dann los. Eines Tages ist Ersoy zufällig in Heidelberg, will sich die Stadt angucken – und stößt auf lauter Plakate der SRH. Sie ist neugierig, geht zu einer Info-Veranstaltung und entscheidet sich: "Ich wollte keine überfüllten Vorlesungen, ich wollte Dozenten, die man jederzeit ansprechen kann." Als sie das sagt, steht sie gerade im Flur vorm Hörsaal, in ein paar Minuten beginnt ihre Vorlesung "Ästhetische Bildung", wobei eigentlich weder "Hörsaal" noch "Vorlesung" passt angesichts von maximal 20 Leuten im Seminarraum.

Kleine Gruppen und nahbare Professoren: klingt fast wie in einer Werbebroschüre. Jörg Winterberg, Rektor der SRH-Hochschule Heidelberg, findet es denn auch zu platt, mit derlei Vorzügen den Erfolg der Privaten zu erklären. Oder zumindest den Erfolg seiner Hochschule. Lieber spricht er über das neue Studienmodell namens Core, das sie vor fünf Jahren in Heidelberg eingeführt haben und das sogar Baden-Württembergs grüne Wissenschaftsministerin Theresia Bauer als "wirklich außergewöhnlich" lobt. "Als private Hochschule können Sie sich auf Dauer nicht dadurch abheben, dass Sie immer neue Studienfächer besetzen", sagt Winterberg. "Die kopieren die staatlichen irgendwann. Was sie aber nicht so leicht kopieren können, ist die Kultur." Core bedeutet zum Beispiel, dass sie in Heidelberg vom traditionellen Semesterschema abgewichen sind. Alle fünf Wochen gibt es eine neue Fragestellung aus der Praxis, die von den Studenten beantwortet werden muss. In Rollen- oder Planspielen zum Beispiel oder mit Gruppenarbeiten.