Seinen Abschied vom Amt des Bundesratspräsidenten hat sich Stanislaw Tillich glanzvoller vorgestellt. Müde und grau steht Sachsens Ministerpräsident am vergangenen Freitag im Preußischen Herrenhaus in Berlin, wo der Bundesrat seinen Sitz hat. Ein Jahr lang hat er bei jedem Staatsakt in der ersten Reihe gesessen, neben der Kanzlerin. Er ist im Regierungsflugzeug mit schwarz-rot-goldenen Streifen um die Welt gereist: nach Mexiko, Kuba, Singapur, Südkorea. Sogar vom Papst wurde er ehrenvoll empfangen.

Schaut man sich Bilder der Reisen an, ahnt man, wie sehr Tillich diese Zeit genossen hat. Ein offizielles Video, das sein Jahr als Präsident würdigen soll, zeigt ihn als einen Politiker auf dem Gipfel der Macht. Doch als er am Tag des Abschieds zu reden beginnt, wirkt er fassungslos über den revidierten Text, den er gleich vortragen muss, der jüngsten Ereignisse wegen: Seine Regierung in Sachsen müsse "Fehler ausmerzen und aus Fehlern lernen". Fehler, dieses Wort hasst er. Tillich liest es so betonungslos vor, als könne er die Pannen dadurch verschwinden lassen.

Tillich ist so angespannt, dass er vom internationalen "Tourismus" spricht, als er "Terrorismus" sagen will. Tillich, der eben noch wie ein Retter um den Globus flog, ist durch den Tod eines mutmaßlichen Terroristen wieder auf sein ureigenes Amt zurückgeworfen worden: Chef einer Landesregierung, über die sich ganz Deutschland wundert.

Spiegel Online überschrieb einen Artikel mit den Worten "Der behäbige Herr Tillich".

Bild titelte: "Kann nich, will nich, Tillich".

Im Bundesrat verabschiedet sich der Ministerpräsident eines Landes, das innerhalb weniger Tage durch einen Polizei- und Justizskandal schwer beschädigt wurde. Am Samstag vorletzter Woche hatten Polizisten in Chemnitz versucht, den Terrorverdächtigen Jaber al-Bakr zu fassen – zunächst erfolglos. Was der schwer bewaffneten Staatsmacht in Sachsen misslang, glückte einen Tag später ausgerechnet drei Syrern, die nur mit einem Verlängerungskabel, einem Seil und dem Mut der Verzweifelten ausgerüstet waren: Sie fesselten Al-Bakr und lieferten ihn der Polizei aus. Am Mittwoch vergangener Woche schaffte es Al-Bakr aber, sich in seiner Zelle in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Leipzig umzubringen.

Was ist da los? Sachsen, das sich nach der Wiedervereinigung zum neuen Musterländle im Osten entwickelt hatte, mit besten Wirtschaftsdaten und Pisa-Noten, steht nun als Pannenstaat da. Als Land, dessen Polizei- und Justizbehörden nicht funktionieren – und mit diesem Versagen die ganze Republik in Gefahr bringen. Wer sich den Fall Al-Bakr näher anschaut, der erkennt, dass die Pannen, die den Ministerpräsidenten am Rednerpult des Bundesrats holpern lassen, kein Zufallsprodukt sind. Zu ihnen kam es, weil sich Personen und Institutionen auf allen Ebenen in eine hilflose Arroganz hineingesteigert haben. In Sachsen haben sich Selbstgefälligkeit, Dilettantismus und Naivität verselbstständigt. So ist ein krankes System entstanden, das seine Fehler verstärkt und reproduziert. Aus Furcht, etwas falsch zu machen, will keiner die Verantwortung übernehmen: von einzelnen Beamten über Anstaltschefs und Behördenleiter bis hoch zu Ministern und dem Ministerpräsidenten selbst.

Die Gefängnischefs

In einem Besprechungsraum des sächsischen Justizministeriums in Dresden gibt es eine Ahnengalerie. In Schwarz-Weiß hängen die Bilder von 28 meist streng blickenden Herren an der Wand, angefangen mit Julius Traugott Jacob von Könneritz, dem sächsischen Minister der Justiz von 1831 bis 1846. Drittletzter in der Reihe ist Thomas de Maizière – der heutige Bundesinnenminister war hier von 2002 bis 2004 der Chef im Haus. Der aktuelle sächsische Justizminister fehlt in der Galerie. Dass Sebastian Gemkow von der CDU jemals aus dem Amt ausscheidet und sein Porträt neben die Bilder der anderen gehängt wird, scheint nicht vorgesehen: Neben dem Porträt seines Vorgängers ist kein Platz mehr, da ist die Tür.

Sachsens Justiz ist nicht nur stolz auf ihre Minister, sondern auch auf ihre Gefangenen: Holzfiguren, die Häftlinge gefertigt haben, werden im Foyer des Ministeriums in Vitrinen ausgestellt. Man kann sie auch kaufen, etwa den Räuchermann "Gefangener mit Eimer und Besen" zu 25,80 Euro.

Jaber al-Bakr, geboren am 10. Januar 1994 in Saasaa bei Damaskus, war für 52 Stunden als Gefangener der JVA in Leipzig der wichtigste Untersuchungshäftling Deutschlands – bis er sich durch Strangulieren mit einem T-Shirt das Leben nahm.

Zwei Tage nach dem Suizid sitzt die Führungsspitze des Gefängnisses vor der Wand mit der Minister-Galerie: zwei Männer, die versuchen, sich zu erklären. Der eine, Rolf Jacob, ist der Anstaltsleiter und war im Urlaub, als Al-Bakr in der Zelle saß. Der andere, Jörg Hoppach, ist Jacobs Stellvertreter und war in jenen 52 Stunden im Dienst. Es ist das erste Mal, dass er sich den Fragen von Journalisten stellt. Hoppach ist ein Mensch, der die Routine mag. Jacob legt sich gern auch mal abends um acht ins Bett, wie am Tag des Suizids.

Jacob sagt etwas trotzig, einige kritische Kommentare zu den Umständen von Al-Bakrs Tod seien "von Unwissen geschlagen". Hoppach schweigt. Ein grauhaariger Mann in grauem Anzug. Er sitzt da fast ohne Körperspannung, ganz offensichtlich fühlt er sich unwohl bei diesem Gespräch. Es ist sofort klar, dass er der Untergebene ist. Wie es ihm geht? Lange Pause. "Nicht gut", sagt Hoppach. "Man versucht, seine Arbeit gut zu machen, hat so viel Aufwand reingesteckt, aber im Ergebnis – ist es anders." Das ist das eine Grundgefühl: Niedergeschlagenheit. Aber es gibt noch ein anderes: das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden.