Der Harvard-Dozent Yascha Mounk reiste für uns an sieben deutsche Unis. Was er dort fand: Schnarchende Studenten, gelangweilte Professoren – und einige gute Ideen.

Einsamkeit

Der erste Hörsaal, den ich auf meiner Reise betrete, ist leer. Auch der zweite ist leer. Im dritten sitzen zwei Studenten, weit voneinander entfernt, eine Studentin tippt auf ihrem Handy, ihr Kommilitone hat seinen Laptop aufgeklappt und daddelt bei Facebook. Im vierten Hörsaal liegt ein Student auf den Stühlen und schnarcht.

Etwa 50.000 Menschen studieren an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Wo sind sie denn? Warum laufen mir keine lachenden Grüppchen junger Leute entgegen?

Ich wandere durch leere Gänge. Ab und an hallen Schritte herüber, ruft eine weit entfernte Stimme: "Hallo? Hallo? Hörst du mich?" Ein Gefühl der Einsamkeit überkommt mich.

Im fünften Hörsaal werde ich fündig. Mir ist es peinlich, mich inmitten einer Vorlesung auf einen Platz zu schleichen, aber niemand schenkt mir Beachtung. Der Professor ist Mitte fünfzig, trägt erstaunlich modische Jeans, ein schwarzgraues Jackett und eine orange punktierte Krawatte. "Das wurde schon öfter abgefragt im Staatsexamen", sagt er und zwinkert. Er teilt einen Handzettel aus, der nicht bis zu mir in die letzte Reihe vordringt, und fragt: "Ist die Bibel ein Kinderbuch? Kann man im Schulunterricht über die Vergewaltigung von Dina sprechen?" Religion also. Auf Lehramt.

Nach ein paar Sekunden beantwortet der Professor die Frage selbst – die gähnende Stille im Raum scheint ihn nicht zu überraschen. Die Geschichte von Dina sei "schon starker Tobak", gleichzeitig dürfe man "nicht nur eine heile Welt vorspielen". Die Lehramtsanwärterinnen schreiben brav mit.

Nach der Vorlesung zerstreuen sich die Studenten, ohne miteinander zu reden. Ich mache mir ein paar Notizen, verlasse den Hörsaal als Letzter. Der Korridor ist menschenleer.

Das deutsche Bildungswesen kenne ich vor allem aus der Schule. Ich habe hier drei Grundschulen und drei Gymnasien besucht. Nach dem Abitur hat es mich – ein bisschen aus Absicht, ein bisschen aus Zufall – ins Ausland verschlagen. Mein Geschichtsstudium habe ich in Cambridge absolviert, nach einem kurzen Aufenthalt an der Columbia University in New York habe ich meinen Doktor in Politikwissenschaft in Harvard gemacht. Deutsche Unis kenne ich nur von außen.

Cambridge, Columbia, Harvard. Ich weiß: Es sind privilegierte Universitäten – mit einem Ruf, einer Tradition und einem Vermögen, mit dem es keine deutsche Hochschule aufnehmen kann. Und so verwundert es nicht, dass Deutsche, die sich an ihren Luxus gewöhnen durften, ein eher negatives Bild von der heimatlichen Uni malen.

"Die Qualität der Lehre ist furchtbar", berichtet mir ein Freund, der mittlerweile als wissenschaftlicher Mitarbeiter an einer großen deutschen Uni arbeitet. Professoren bereiteten sich auf ihre Vorlesungen kaum vor. Für die Seminare läsen Studenten nichts.

Die Forschung sei auch nicht viel besser, fügt ein Bekannter hinzu, der vor ein paar Jahren für sein Postdoc-Stipendium zurückgekehrt ist. In seinem Feld könne man locker die beste Fakultät Deutschlands zusammensetzen, indem man ein paar junge Profs von zweit- und drittklassigen Provinz-Unis in den USA beruft. "Jeweils einer aus Ohio, Indiana, Florida und Texas. Warum tut das bloß keiner?"

Steht es um die deutsche Uni wirklich so schlecht? Und hat sich in den letzten Jahren wirklich so wenig gewandelt? Ich beschließe, eine Studienreise zu machen, von Süden nach Norden, von Westen nach Osten, mit Stationen in München, Heidelberg, Frankfurt, Göttingen, Lüneburg und Berlin.

Anthropologie

Die Vergangenheit, so sagt man unter Historikern, ist ein fremdes Land. In meinem Fall hingegen ist es eher andersherum: Auf meiner Reise durch die Republik erinnern mich die mir fremden Institutionen immer wieder an meine entfernte Vergangenheit. Diese steife Formalität im Umgang miteinander! Der uralte Diaprojektor, noch immer in Betrieb! Das Monologisieren der Professoren!

Ich bin Insider und Outsider zugleich: ein Anthropologe, der halb zum Stamm gehört und Dinge, die Einheimischen ganz normal erscheinen, doch mit den Augen eines Fremden sieht.

Und so ertappe ich mich in den ersten Tagen bei merkwürdigen Gedanken wie: "Englische Studenten sind Herdentiere, deutsche dagegen sind einsame Wölfe." Oder: "Deutsche Flughäfen sind so penibel auf Hochglanz poliert wie amerikanische Universitäten. Amerikanische Flughäfen dagegen sehen so furchtbar ungepflegt aus wie deutsche Unis."

Pauken

"Gut zusammengefasst haben Sie die Fachliteratur ja", sagte mir meine Tutorin in meiner ersten Unterrichtsstunde in Cambridge, als ich gerade frisch aus Deutschland angekommen war. "Aber was ist denn bitte Ihre eigene Meinung zu dem Thema?" – "Meine eigene Meinung?", fragte ich verdattert. – "Geschichte können Sie nur verstehen, wenn Sie sich eine eigene Meinung bilden. Also: Versuchen Sie für nächste Woche mal, ein klares Argument zu formulieren. Und machen Sie sich keine Sorgen, falls Sie nicht mit mir übereinstimmen!"

Die ersten Wochen in England waren für mich ein Schock. Aus der Schule war ich gewohnt, Fakten brav auswendig zu lernen und diese möglichst konventionell wiederzukäuen. Als Kind erschien mir die Bildung, bei allem Respekt, als lebloses Gut. Ich stellte sie mir wie einen prächtigen Palast vor, den Genies viele Generationen vor mir erbaut hatten und in dem wir Schüler nur zu Besuch waren. Wir malten die Inneneinrichtung brav ab. Die Lehrer sorgten dafür, dass wir nichts anfassten.

In den vielen Hörsälen, die ich auf meiner Reise besuchte, fühlte ich mich in die Schulzeit zurückversetzt. Fast immer ähnelten die Vorlesungen jenem ersten Monolog über die Theologie: Der Unterricht war frontal, die Professoren leierten lustlos ihr Programm ab, die Studenten interessierten sich vor allem für den Inhalt der anstehenden Klausuren. Ab und zu stellte ein Professor eine rhetorische Frage. Fast immer traf sie auf Schweigen. Die Studenten widmeten sich wieder ihren Handys.

Reformstau

Verdutzt bleibe ich vor einem einfachen Arrangement aus Holzbänken und Holzsesseln stehen. Seit Tagen reise ich nun schon von einem Campus zum nächsten. Aber erst in Lüneburg erblicke ich, was mir aus meinem Studium selbstverständlich erscheint: Gartenmobiliar, das Studenten dazu einlädt, sich im Freien zusammenzusetzen, miteinander zu diskutieren, vielleicht ein paar Seiten zu lesen.

Auf dem Campus der Leuphana Universität habe ich zum ersten Mal das Gefühl, dass eine Uni nicht nur gleichgültig ihre Dienstleistung anbietet, sondern auch als Zentrum des Soziallebens fungiert. Studenten schlendern zusammen durch die Gänge, winken einander zu. In der Mensa ist der Lärmpegel endlich mal so richtig hoch.

Ein Zufall ist dieser Eindruck nicht. Als der heutige Präsident Sascha Spoun vor zehn Jahren die aus einer Pädagogischen Hochschule und einer Fachhochschule fusionierte Universität übernahm, bereitete sie vor allem Studenten aus dem direkten Umland auf die Lehrerlaufbahn vor. Viele wohnten zu Hause, verbrachten kaum Zeit auf dem Campus.

Um das zu ändern, unternahm Spoun viele kleine und auch ein paar große Reformen, von den Holzbänken bis hin zu einem umgekrempelten pädagogischen Selbstverständnis. Anstatt sich am ersten Tag des Studiums passiv eine Einführungsvorlesung anzuhören, absolvieren alle Erstsemester gemeinsam eine fächerübergreifende Startwoche. Auch der Rest des Studiums ist interdisziplinär: Ein Drittel der Kurse ist einem innovativen "Komplementärstudium" gewidmet.

Spoun, ein quirliger Mann mit goldenem Haar, einer großen, runden Brille und einem selbstbewusst-schelmischen Grinsen, ist im Hochschulbetrieb umstritten. Weil er früher in St. Gallen lehrte, ist er in manchen Kreisen als neoliberaler Reformer verpönt. Im Gespräch macht Spoun eher den Eindruck eines Überzeugungstäters. "Ich habe im Ausland gute Unis selbst erlebt und dachte mir: Das muss doch auch in Deutschland möglich sein", sagt er und haut dabei auf den Tisch seines bescheidenen Dachgeschossbüros. Mit seinem Elan hat er in wenigen Jahren viel erreicht. Die Leuphana Universität hat einen Ruf, der weit über die Region hinausreicht, auf jeden Studienplatz bewerben sich mehrere Anwärter. Vor allem aber strahlt sie etwas aus, was ich an anderen deutschen Universitäten vermisse: ein eigenes Ethos, das die Uni zu mehr als der Summe ihrer Einzelteile gedeihen lässt.

Hinter jeder Ecke erhoffte ich mir einen Dutschke

Rebellen

Obwohl ich erst 1982 zur Welt kam, ist meine Vorstellung von der deutschen Uni von 1968 geprägt. Hinter jeder Ecke erhoffte ich mir auf meiner Reise einen Dutschke, an jeder Pinnwand einen Aufruf zur Revolution.

Ab und an werde ich fündig. "Patriot*Innen sind Idiot*Innen" steht auf der Wand eines Göttinger Uni-Klos. In Frankfurt hat jemand das Filmplakat eines auch nicht mehr ganz neuen französischen Films abgewandelt: "Willkommen in der fabelhaften Welt des Widerstands". "LOVE KILLS CAPITALISM" verspricht das Schaufenster des Münchner Uni-Cafés mit einem unerschütterlichen Vertrauen in die Verbesserlichkeit der Welt.

Auch das studentische Nachtleben kokettiert mit der rebellischen Vergangenheit. Der Abend, den ich mit Studenten der Freien Universität im Kreuzberger Clash verbringe, fühlt sich wie vornehmer Punk-Tourismus an. Graffiti, ein paar Totenköpfe, viele Antifa-Sticker und jede Menge Zigarettenqualm. Dazu gutbürgerliche Gespräche über den traurigen Zustand der Welt und eine Runde Tischfußball. Wenn Helmut Kohl auch einmal einen solchen Abend verbracht hätte, die geistig-moralische Wende wäre ihm überflüssig erschienen.

Überhaupt: Konterkulturell erscheinen mir die Studenten nicht gerade, in Uni-Städtchen wie Heidelberg suhlen sie sich geradezu in ihren Traditionen. So besuche ich eine Theateraufführung im hübschen Innenhof des Germanistischen Seminars mit Blick aufs Schloss. Das Regietheater hat hier noch nicht Einzug gehalten. Die Studenten tragen traditionelle Kostüme und zelebrieren jede Silbe.

"Was ist denn das, die Fantasie?", fragt Nachtigall. – "Es ist der Geist, der im Gehirn der Dichter tobt", antwortet Vipra – "Also die springt den Dichtern im Gehirn herum?", fragt Nachtigall und schaut ins Publikum. – "Dann ist’s kein Wunder, wenn’s bei ihnen rappelt. Drum sagt man, die Dichter sind närrische Köpf!" Verzücktes Gelächter.

Elite

Auf das Treffen mit dem Rektor der Universität Heidelberg freue ich mich besonders, wird er doch auf der Webseite der Universität mit köstlichem Brimborium beschrieben: "Prof. Dr. rer. nat. habil. Dr. h.c. Bernhard Eitel".

So eitel, wie ich ihn mir vorgestellt habe, ist der Herr Prof. Dr. Dr. dann leider doch nicht. Mit seinen silbernen Haaren, seiner etwas linkischen Art und seinem leichten Dialekt erscheint er mir sogar bescheiden, Typ Oberstudienrat.

Die öffentliche Wahrnehmung der deutschen Uni, beklagt er, sei viel zu stark von den siebziger und achtziger Jahren geprägt. Tatsächlich habe sich das System stark modernisiert, gerade in Heidelberg. So wusste das Rektorat bis vor ein paar Jahren nicht einmal, wie viele Studenten an der Uni promovieren. Mittlerweile werden sie zentral erfasst und können fächerübergreifende Weiterbildungsangebote nutzen, etwa ein Seminar über Soft Skills. Auch baulich hat sich viel getan: Über die Jahre ist auf der anderen Seite des Neckars, weit weg von den zierlichen Gassen der Altstadt, ein moderner naturwissenschaftlicher Campus entstanden.

Ich frage vorsichtig, ob Heidelberg eines Tages an die international führenden Universitäten wird anschließen können. "Harvard? Stanford?" Bernhard Eitel schaut mich mit einem bemitleidenden Lächeln an. "Wir haben einen Bruchteil der finanziellen Mittel der ETH Zürich!"

Internationale Universitäts-Rankings geben ihm recht. Laut Times Higher Education Supplement kommt die Münchner LMU als beste deutsche Hochschule hinter dem schwedischen Karolinska Institut auf Platz 29. In den QS World University Rankings landet Münchens TU als beste deutsche Hochschule auf Platz 60 und liegt damit knapp hinter der University of Illinois at Urbana-Champaign. Zweite Liga also.

Vor ein paar Jahren beschloss die Politik, endlich die finanziellen Voraussetzungen für deutsche Spitzenforschung zu schaffen. Aber statt voll auf eine Universität zu setzen, förderte sie in guter föderaler Tradition kleinere Exzellenzcluster und Doktorandenschulen im ganzen Land. Meine amerikanischen Freunde amüsieren sich darüber. "Um die besten Forscher anzuziehen, brauchst du einen noblen Ruf, hochbegabte Studenten, interessante Kollegen in anderen Fakultäten. Klein-Klein bringt da gar nichts." Haben sie recht?

Das einzige deutsche Forschungsprojekt, von dem ich in meinem eigenen Feld regelmäßig etwas höre, ist das Exzellenzcluster Normative Ordnungen an der Goethe-Universität in Frankfurt. Als das Projekt bewilligt wurde, hatte Rainer Forst, sein Mitbegründer, gerade einen Ruf an das Politikwissenschafts-Department der University of Chicago bekommen; er entschied sich zu bleiben.

Forst, ein Zögling von Jürgen Habermas, ist einer der wenigen Professoren, die lässig auftreten, ohne ihre Lässigkeit aufsetzen zu müssen. Die interdisziplinäre Arbeitsweise des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, in der Weimarer Republik von Max Horkheimer geleitet, sei in den letzten Jahren auch dank der "Normativen Ordnungen" wieder aufgeblüht, erklärt Forst.

Tatsächlich ist die Mannschaft, die Forst in Frankfurt zusammengebracht hat, von internationaler Bedeutung. An wenig anderen Universitäten der Welt sitzen so viele interessante Denker und arbeiten fächerübergreifend an Themen von echter gesellschaftlicher Relevanz. So verwundert es auch nicht, dass Forst die Exzellenzinitiative insgesamt positiv bewertet: "Sie hat mehr bewirkt, als wir dachten."

Das Modell ist nicht ganz falsch. Nur dessen Ausmaß ist lächerlich. So ist der gesamte bundesweite Etat der Exzellenzinitiative kleiner als der staatliche Zuschuss zum Jahresbudget der Harvard University. Bis Deutschland bereit ist, viel mehr Geld auszugeben, werden Lehre und Forschung, von feinen, aber deprimierend kleinen Ausnahmen abgesehen, deshalb mittelmäßig bleiben. Aber es ist nicht das fehlende Geld, das mich auf meiner Reise überrascht hat – sondern die bürokratischen Hürden, die den wenigen Reformern im System das Leben erschweren.

Bürokratie

Trotz aller Erfolge steuert Forsts Institut gerade auf eine Krise zu. Denn Exzellenzcluster waren zunächst auf fünf oder maximal zehn Jahre ausgelegt – gerade jetzt, da das Cluster bedeutende Forscher aus der ganzen Welt angeworben hat, soll Schluss sein. Diese Absurdität fiel schließlich auch der Politik auf, Forst wird sich doch um eine weitere Förderperiode bewerben dürfen. Aber bis die Entscheidung fällt, dauert es. In der Zwischenzeit darf das Cluster kaum neue Mitarbeiter einstellen, viele Forscher werden deshalb weiterziehen. "Auf der Ebene der Nachwuchswissenschaftler droht ein gewaltiger Brain-Drain", beklagt Forst.

Ein zweites Beispiel: In Lüneburg versucht Spoun, Studenten zur aktiven Teilnahme an den Veranstaltungen zu animieren. Im Ausland ist die Anwesenheit an Lehrveranstaltungen verpflichtend, mündliche Beiträge fließen selbstverständlich in die Note ein. In Deutschland verbietet dies das Gesetz. "Die Uni, die wir uns wünschen, braucht Freiheit für Studierende und Lehrende", sagt Spoun. "Dies ist aufgrund der Rahmenbedingungen kaum möglich."

Ambition

Der deutschen Universität nähere ich mich über stolze Alleen, deren Namen auf eine lange Geschichte verweisen. Ich begegne martialischen Siegestoren, auf denen nachdenkliche Sätze prangen ("Dem Sieg geweiht / Vom Krieg zerstört / Dem Frieden mahnend"). In ihren Foyers lese ich hehre Sprüche, die von höchsten Ambitionen zeugen ("Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern").

Je näher ich der deutschen Universität aber komme, desto geringer scheinen mir ihre Ambitionen. Sie will ihren Studenten eine passable Ausbildung bieten, ihren Professoren respektable Forschung abverlangen, ihren Mitarbeitern ein angenehmes Leben ermöglichen. Amerikanische Rektoren dagegen sprechen unentwegt davon, die Welt zu verändern, Studenten zu globalen Anführern zu formen. Harvards Präsidentin Drew Faust zum Beispiel spornte in ihrer letzten Rundmail die Uni-Gemeinschaft dazu an, "die dringendsten Probleme unserer Zeit" ins Auge zu fassen: "Wie kann die Menschheit diese Probleme dank des Wissens, das wir hier in Harvard generieren, überwinden?"

Diese Selbstbeweihräucherung nervt mich oft, denn der wissenschaftliche Alltag in Harvard ist recht prosaisch. Aber selbst wenn diese Rhetorik nicht immer der Realität entspricht, so nimmt Harvard den Bildungsauftrag des hierzulande so gern zitierten Wilhelm von Humboldt doch viel ernster, als es die meisten deutschen Universitäten tun. Die Bildung, schrieb Humboldt, "bedeutet die Anregung aller Kräfte eines Menschen".

Diesem Anspruch vollkommen zu genügen, das vermag keine Universität der Welt. Doch dass es die meisten Universitäten in Deutschland gar nicht erst versuchen, das müsste – und könnte – sich ändern.