Welche Rolle will Russland in der Welt spielen? Die Frage, die derzeit sämtliche europäischen Regierungen und die der Vereinigten Staaten beschäftigt, lässt sich am besten in der syrischen Stadt Aleppo beantworten.

Dem oppositionellen Ostteil droht in den kommenden Wochen die totale Verwüstung durch russische Luftangriffe mit Phosphor-, Streu- und Vakuumbomben. Die dort lebenden über 200.000 Menschen sind seit Wochen von jeder Versorgung abgeschnitten, Krankenhäuser wurden weitgehend und gezielt zerstört. In westlichen Hauptstädten wird laut über internationale Ermittlungen wegen Kriegsverbrechen nachgedacht. Den russischen Präsidenten beeindruckt das wenig. Aus seiner Sicht geht die Kriegstaktik in Aleppo voll auf.

Militärisch ist das russische Vorgehen nicht neu. Bombardements mit international geächteten Waffen, Belagerungsringe, das Anbieten "humanitärer Korridore" für Zivilisten, die faktisch eine Umsiedlung oder Vertreibung der Bevölkerung ermöglichen, der gezielte Beschuss moderater Kräfte des Aufstands – all das entspricht der Taktik, mit der Wladimir Putin in den Jahren 1999 und 2000 die tschetschenische Hauptstadt Grosny dem Erdboden gleichgemacht und den Widerstand der Rebellen radikalisiert und islamisiert hatte.

Doch anders als in Tschetschenien geht es in Syrien nicht um die Bekämpfung eines Aufstands in der eigenen Föderation. Es geht darum, ein weltpolitisches Exempel zu statuieren.

Der russische Präsident will die Zeiten beenden, in denen die USA mit Kampfjets, Flugzeugträgern und Marschflugkörpern über andere Regime und Regionen entschieden. Er will aber auch jegliche Politik der Befriedung nach amerikanischen und europäischen Vorstellungen durchkreuzen. Wladimir Putin geht es also um nicht weniger als das Ende der Pax Americana, jener Epoche, die mit dem Untergang der Sowjetunion vor 25 Jahren anbrach.

Moskaus Eingreifen in Syrien ist seit dem Einmarsch in Afghanistan 1979 die erste Intervention außerhalb des Territoriums der ehemaligen Sowjetunion. Der Afghanistankrieg – vom damaligen US-Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski auch "die afghanische Falle" genannt – markierte den Anfang vom Ende des sowjetischen Imperiums. Syrien dagegen soll das Wiederauferstehen einer russischen Großmacht signalisieren. Womit man bei der nächsten Frage ist: Geht es Wladimir Putin darum, als gleichberechtigter Akteur neben den USA respektiert zu werden? Oder versucht er, Geostrategie mit der Abrissbirne gegen bestehende Ordnungssysteme zu betreiben (darunter das der Europäischen Union)?

Die Entscheidungsprozesse im Kreml zu ergründen ist inzwischen wieder ähnlich kompliziert wie in den achtziger Jahren, was auch Teil der außenpolitischen Taktik ist. Aber es hilft durchaus, die Zeit nach dem Ende des Kalten Krieges einmal aus Sicht der Moskauer Führung nachzuvollziehen. Nicht jedes Argument ist unberechtigt.

Die russische Elite sieht die vergangenen 25 Jahre des Friedens in Europa als einen epochalen Betrug. Das "gemeinsame europäische Haus", von Michail Gorbatschow 1989 beschworen, wurde nie gebaut. Stattdessen haben sich Nato und EU ausgedehnt – und darüber hinaus den ehemaligen Sowjetrepubliken auch noch Partnerschaften angeboten. Dass dies auch der Wunsch der jeweiligen Regierung und Gesellschaft in diesen souveränen Staaten war, übersieht man in Moskau gern. Stattdessen wird die westliche Expansion heute als Bedrohung und Demütigung empfunden.

Den westlichen Interventionismus, resultierend aus der internationalen Tatenlosigkeit bei den Verbrechen in Ruanda 1994 und Srebrenica 1995, hielt man in Moskau von Beginn an für verlogen. So unterschiedlich sie auch waren: Sowohl die Nato-Intervention im Kosovo 1999 als auch der Einmarsch in den Irak 2003 und schließlich das Eingreifen in Libyen 2011 sind aus russischer Sicht nichts als Demonstrationen des Washingtoner Machtanspruchs, die Welt nach Belieben umzukrempeln. Amerikanische Hybris drückte sich in der Tat aus in der Kündigung des ABM-Vertrags zur Begrenzung von Raketenabwehrsystemen und in imperialer Rhetorik des "regime change" unter George W. Bush. Selbst Obama reizte die Russen noch mit der Bemerkung, sie seien nur eine Regionalmacht.

Das nährte Putins Überzeugung, der Westen, allen voran die USA, habe sämtliche Aufstände der vergangenen zwölf Jahre angezettelt: von der Orangenen Revolution in der Ukraine 2004 über die arabischen Revolten 2011 bis zur zweiten ukrainischen Protestbewegung 2013.