Alles begann mit einem albernen Witz im traurigen Monat November 1991. Wolf Biermann erhielt den Mörikepreis der Stadt Fellbach. Ein thüringischer Kleinpoet, dessen Namen heute keiner mehr kennt und mit dem ich mich angefreundet hatte, bekam den Förderpreis. Über diesen Jungdichter kam ich in die Nähe des Meisters, dem ich als liederdichtelnder Journalistikstudent unbedingt endlich einmal persönlich begegnen wollte.

An diesem Tag feierte Wolf Biermann zudem seinen 55. Geburtstag. Wir saßen nach der Preisverleihung abends in seinem Hotelzimmer bei Brezeln und schwäbischem Riesling – als er lospolterte: "Ich muss mich jetzt mit meinen Stasi-Akten beschäftigen – Mörike war ja übrigens kein so großes Licht, und überhaupt diese schwäbische Dichterschule …" Ich versuchte eher zitternd als witzig eine Pointe zu platzieren: "Ich denke, Herr Biermann, Eduard Mörike hat auch für die Stasi gearbeitet." Schweigen, prüfende Blicke, Stirnrunzeln. Jetzt die Stille nutzen! Du hast nur einen Schuss, dachte ich. – "Da gibt es doch dieses Gedicht von Mörike: ›Frühling, ja du bist’s! Dich hab ich vernommen!‹"

Mein kalauerndes Wortspiel mit der Vernehmung war mir schon peinlich, während ich es aussprach. Und hätte seine Frau Pamela nicht so schallend gelacht, hätte mein Leben wohl in den letzten 25 Jahren einen anderen Verlauf genommen.

Wolf Biermann war für mich seit seiner Ausbürgerung 1976 eine unerreichbare Leitfigur. Ich trieb mich in diesen Jahren in der deutschen Folkszene herum, in der die Linke im Volksliedgut nach freiheitlich-demokratischen Texten suchte, um sie mit amerikanischen Fingerpicking-Gitarrentechniken zu vertonen und zu präsentieren. Auf den Bühnen verfallener Burgruinen, in verrauchten Studentenclubs und an zugigen Straßenecken.

Ich war ein Held der Nebenstraßen, hangelte mich mit drei Gitarrengriffen, zwei davon in Moll, von Lied zu Lied, deren einzige Qualität war, von mir selbst gemacht worden zu sein. Biermann war für mich als der oberste Meistersänger unserer Liedermacherzunft ein Idol, allerdings nicht im Sinne einer religiösen Bildanbetung. Es lief eher so wie in der Geschichte von Bertolt Brecht "Wenn Herr K. einen Menschen liebte": "Ich mache einen Entwurf von ihm und sorge, dass er ihm ähnlich wird." So ähnlich ging es mir mit Wolf Biermann.

Wäre mir im Alter von 19 Jahren eine Fee erschienen und hätte gesagt: "Du hast drei Wünsche frei, aber gebrauche sie weise!", hätte ich wie aus der Pistole geschossen geantwortet: "Ich wünsche mir erstens bis drittens, Wolf Biermann wenigstens einmal aus der Nähe zu begegnen."

Als dann der Augenblick kam, hatte ich nichts zu bieten als einen schlechten Gag. Biermann gefiel er, und er gefiel ihm auch nicht. Denn ich machte den Fehler, den alle machen, denen seine Sprachkraft, Schlagfertigkeit und gelegentliche Rüpelhaftigkeit imponieren. Sie alle wollen ihn in diesen Eigenschaften noch überbieten, um ihm zu gefallen. Und fast immer gebricht es dann an Respekt und Höflichkeit.

Die westdeutsche Linke, zerrissen in der Frage, wie sie sich zu dem abweichlerischen, unbequemen Kommunisten verhalten solle, hatte ihn längst vergesellschaftet, sie himmelte oder raunzte ihn an, mit jenem penetranten Genossen-Du, das immer etwas einzufordern schien. Das gipfelte darin, dass einmal ein enttäuschter Zuhörer nach einem Konzert an den Künstler herantrat und ihn anherrschte: "Wolf, deine Lieder gehören dir nicht mehr! Mach dir gefälligst neue."

Der ersten Begegnung in Fellbach folgte noch im selben Jahr eine Silvestereinladung ins Haus Biermann. Ich hatte, als ich Biermann noch nicht persönlich kannte, ihm zwei-, dreimal ein paar Arbeiten von mir geschickt, einmal kam sogar ein Brief zurück, eher ein Rundschreiben, in dem er Freunden sein neuestes Gedicht vorstellte. Wie eine Reisereliquie bewahrte ich den Brief in meinem Gitarrenkasten auf, neben den neuen Saiten. Alle, die ihn zu kennen glaubten, unterstellten ihm, immer nur sich selbst im Blick zu haben. Dabei ist er in Wahrheit ein messerscharfer, genauer Beobachter. Und schon bei der zweiten Begegnung sagte er zu mir: "Du bist wie ein Baum, der zu viele Zweige hat, alle wachsen wild durcheinander und bilden keine wirklich starken Äste aus. Das ist zwar besser, als wäre zu wenig Grün da, aber wenn der Baum keine Form findet, ist das auch nichts."