Im Jahr 2010 beginnen die Russen, einen neuen landgestützten Marschflugkörper (ground-launched cruise missile) mit einer Reichweite von mehr als 500 Kilometern zu testen. Ihre nachrichtendienstlichen Erkenntnisse, sagen die Amerikaner, ließen daran keinen Zweifel. Der INF-Vertrag aber verbietet ballistische Raketen und Marschflugkörper mit einer Reichweite zwischen 500 und 5.500 Kilometern – wohlgemerkt: solange sie vom Boden aus abgefeuert werden. Raketen und Cruise-Missiles, die von Schiffen, U-Booten oder von Flugzeugen aus abgeschossen werden, erlaubt der Vertrag.

Die Amerikaner entdecken die Versuche im Jahr 2011. Es beginnt eine Phase intensiver, stiller Diplomatie. "Wir haben den Russen gesagt, wir wissen, dass ihr diese Cruise-Missile habt", heißt es in der US-Regierung. "Wir haben ihnen gesagt, das ist eine Verletzung des INF-Vertrags. Wir wollen euch nicht öffentlich demütigen, aber wir wollen, dass ihr dazu zurückkehrt, den Vertrag einzuhalten."

Gespräche laufen auf verschiedenen Regierungsebenen an, aber die Russen weisen die Beweise der Amerikaner zurück. Sie attackieren ihrerseits die Amerikaner. Denn diese installieren in Rumänien und in Polen hochmoderne Raketenabwehrsysteme. Die richten sich zwar offiziell gegen den Iran. Aber in Moskau heißt es, auch Marschflugkörper könnten von dort abgefeuert werden – eine Bedrohung Russlands und eine klare Verletzung des INF-Vertrags!

Konkret geht es um das Abwehrsystem Aegis Ashore. Mit dessen Abschussvorrichtung MK-41, behaupten die Russen – und manche westlichen Experten teilen diese Einschätzung –, könnten die Amerikaner auch bodengestützte Cruise-Missiles abfeuern. Die USA bestreiten das: Aegis Ashore verfüge weder über die dafür notwendige Software noch die Hardware, das System könne ausschließlich Raketen abfangen, sonst nichts.

Bis heute weisen die Amerikaner die russischen Vorwürfe kategorisch zurück. Genauso entschieden äußert sich Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg. Der ZEIT sagt er: "Die russische Regierung weiß, dass sich die Raketenabwehr nicht gegen ihr Land richtet. Es geht hier nicht um offensive Waffen, die Abfangraketen tragen keinen Sprengkopf. Die Raketenabwehr kann also in keiner Weise den INF-Vertrag verletzen." Für Washington und die Nato steht fest, allein Russland trägt die Verantwortung dafür, dass der Vertrag in Gefahr ist.

Im Juli 2014 schreibt Barack Obama einen Brief an Wladimir Putin. Washington, betont er, wolle das Problem auf diplomatischem Weg lösen und eine neuerliche Aufrüstungsspirale vermeiden. Aber gleichzeitig erhöht die US-Regierung den Druck auf Moskau, indem sie dafür sorgt, dass die Öffentlichkeit von den russischen Vertragsverletzungen erfährt. Am 28. Juli 2014 berichtet die New York Times über den Raketenstreit und Obamas Brief an Putin. Zwei Monate später, im September 2014, reist Rose Gottemoeller, im US-Außenministerium zuständig für Abrüstung und Rüstungskontrolle, mit einer Expertendelegation nach Moskau. Aber wieder lenken die Russen nicht ein: Die Amerikaner hätten keine Beweise für ihre Anschuldigungen.

Allmählich wird auch der US-Kongress unruhig. Im Dezember 2014 findet die erste Anhörung auf dem Kapitolshügel statt. Das ganze Jahr 2015 hindurch werden die Vertragsverletzungen Thema zwischen den Außenministern John Kerry und Sergej Lawrow sein. Doch nichts bewegt sich.

Stockholm International Peace Research Institute, Stand Juni 2016 © ZEIT-Grafik

Die ersten Senatoren und Kongressabgeordneten fordern jetzt militärische Gegenmaßnahmen. Wie die Obama-Regierung zu reagieren gedenke? Die Antwort des Pentagon gibt Brian McKeon, Deputy Under Secretary of Defense, bei einer Anhörung des Repräsentantenhauses am 1. Dezember 2015. Die Beweislage sei klar, sagt McKeon. Russland habe ein bodengestütztes System getestet, dessen Reichweite eindeutig unter den INF-Vertrag falle. "Wir sprechen von einem wirklich existierenden System, nicht von einer möglichen Fähigkeit."

McKeon ordnet die Verletzung des INF-Vertrages in das "allgemeine aggressive und kriegerische Verhalten" Russlands ein, mit dem es die europäische Sicherheitsordnung destabilisiere. Deshalb werde sich Amerika bei seiner Antwort auch nicht allein auf den INF-Vertrag konzentrieren, sondern gemeinsam mit den Nato-Verbündeten umfassend militärisch reagieren. McKeon zählt auf: Drohnen, neue Langstreckenbomber und neue Raketen. Im Übrigen werde Amerika sein "strategisches und nicht strategisches" nukleares Potenzial modernisieren, um "atomare Angriffe abzuschrecken und unsere Alliierten zu beruhigen". Die Wahrung der strategischen Stabilität bleibe im Interesse sowohl der USA als auch Russlands, schließt McKeon – "und wir hoffen, Russland wird sich daran erinnern, warum die Sowjetunion den INF-Vertrag überhaupt erst unterschrieben hat". Eins aber sei klar: Die Verletzung des Vertrages werde "nicht ohne Antwort bleiben".

Mit anderen Worten: Hier zieht eine massive Konfrontation zwischen Russland und dem Westen herauf. Es droht ein neues atomares Wettrüsten.

Warum riskiert Russland das?