Die Antwort liegt möglicherweise in dem grundlegend veränderten geopolitischen Umfeld. Das Abkommen, das Amerikaner und Russen 1987 schlossen, ist ein bilateraler Vertrag, der beide Länder aber weltweit bindet. Inzwischen jedoch haben an den Grenzen Russlands eine Reihe von Staaten kräftig aufgerüstet: China, Indien, Pakistan, Nordkorea und der Iran verfügen allesamt über Kurz- und Mittelstreckenraketen, die auch mit Nuklearsprengköpfen bestückt werden können. Schon 2004 schlägt deshalb der russische Verteidigungsminister Sergej Iwanow seinem amerikanischen Kollegen Donald Rumsfeld vor, die beiden Länder sollten gemeinsam aus dem INF-Vertrag aussteigen. Die Amerikaner lehnen ab.

Im Jahr 2007, zwei Jahrzehnte nach Unterzeichnung des INF-Vertrags, ergreifen Russen und Amerikaner in der UN-Vollversammlung gemeinsam eine Initiative, das Abkommen in eine multilaterale Vereinbarung umzuwandeln, der alle Staaten beitreten sollen, die über Kurz- und Mittelstreckenraketen verfügen. Doch kein anderes Land unterstützt den Vorstoß. "Wahrscheinlich begannen die Russen damals, an ihrem neuen System zu arbeiten", heißt es in der amerikanischen Regierung.

Doch bleibt die Frage: Warum testet Russland unbedingt einen (verbotenen) landgestützten Marschflugkörper, wenn der Vertrag doch ausdrücklich see- und luftgestützte Cruise-Missiles zulässt? In Syrien setzt Russland diese ein. Vom Kaspischen Meer und vom Mittelmeer aus hat die russische Marine mit Cruise-Missiles vom Typ KH-101 (es gibt auch eine nukleare Variante KH-102) in die Rebellengebiete geschossen. Warum also unbedingt eine dritte Version?

Weil see- und luftgestützte Raketen besonders verwundbar seien, vermuten die Amerikaner. "Ein Flugzeug können Sie abschießen, ein Schiff versenken", sagt ein hoher US-Regierungsmitarbeiter. "Aber es ist sehr schwer, mobile bodengestützte Raketen und Marschflugkörper zu finden und zu zerstören. Wir haben das 1991 im Westen des Iraks versucht. Wir haben rund 3.000 Angriffe auf die mobilen Scud-Raketen von Saddam Hussein geflogen. Zerstört haben wir keine einzige. Null. Und der Westen des Iraks ist deutlich kleiner als der Westen Russlands."

Im Juni 2016 wird der ZEIT-Reporter Zeuge, wie sich am Rande einer Tagung zur Sicherheitspolitik zwischen zwei Abrüstungsexperten ein hitziger Disput entspinnt. Der Amerikaner: "Die Russen halten den Vertrag nicht ein." Der Russe: "Warum machen die Amerikaner ihre Anschuldigungen nicht öffentlich?" Der Amerikaner: "Wir haben volles Vertrauen, dass wir mit unserer Einschätzung richtigliegen." Der Russe: "Ich bin mir nicht sicher, dass der INF-Vertrag überlebt." Der Amerikaner: "Wir haben unsere Informationen zwar nicht mit der Öffentlichkeit geteilt, aber wir haben mit unseren Nato-Verbündeten darüber gesprochen, auch mit Deutschland, und sie sind überzeugt, dass Russland etwas getan hat, das sich mit dem Abkommen nicht verträgt."

Tatsächlich gibt es seit anderthalb Jahren einen intensiven Informationsaustausch zwischen Washington und Berlin. Fragt man aber in der Bundesregierung nach, dann werden alle Gesprächspartner sehr einsilbig. Schwieriges Thema, heißt es. Über alles können wir sprechen, darüber nicht. Vage wird angedeutet, für so eindeutig halte man die Hinweise der Amerikaner nicht.

Immerhin, Außenminister Frank-Walter Steinmeier sagt auf Fragen der ZEIT: "Wir müssen höllisch aufpassen, dass wir in dieser schwierigen, auch aufgeheizten Lage nicht all das kaputt machen, was wir am Ende des Kalten Krieges an Abrüstungsschritten für Europa vereinbart haben. Dazu gehört auch der INF-Vertrag." Ansonsten: tiefes Schweigen.

Dabei hat kaum ein anderes Land ein größeres Interesse, zu erfahren, ob uns eine neue Mittelstreckenraketen-Krise droht. Zwischen 1983 und 1986 wurden allein in der Bundesrepublik 108 Pershing-II-Raketen und 64 Cruise-Missiles stationiert. Ihr Land, fürchteten die Deutschen damals, könnte in einem Atomkrieg erstes Angriffsziel werden.

Wiederholt sich die Geschichte?

Jedenfalls wird das Klima eisiger. Die Nato stellt eine neue Schnelle Eingreiftruppe auf, stationiert Einheiten in den baltischen Staaten und in Polen. Russland kündigt das Abkommen mit den USA zur Vernichtung von jeweils 34 Tonnen Plutonium auf und verlegt nuklearfähige Kurzstreckenraketen vom Typ Iskander in das Gebiet um Kaliningrad.

Noch haben die Amerikaner keinen Hinweis darauf, dass Russland den INF-Vertrag formell aufkündigen wird. Aber sie sehen ihn akut gefährdet, wenn Wladimir Putin sich nicht an dessen Vorschriften hält. Deshalb verlangt die US-Regierung von Moskau jetzt eine Sitzung der im Vertrag vorgesehenen "Besonderen Verifizierungs-Kommission". Zwei führende Republikaner im Abgeordnetenhaus haben vorige Woche einen Brief an Präsident Obama geschrieben, in dem sie eine Verletzung durch Russland beklagen, die an den Kern des Vertrags rühre.

Man wolle alles tun, um den Vertrag zu retten, heißt es in Washington, die diplomatischen Möglichkeiten seien noch nicht ausgeschöpft. "Wir haben das Handtuch noch nicht geworfen, aber lassen Sie es mich so sagen: Wir nähern uns dem Ende unserer Optionen."

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Korrekturhinweis: In der Printversion dieses Textes heißt es fälschlicherweise, dass Helmut Schmidt in der SPD Rückhalt verloren hatte und zurücktreten musste. Es hätte aber heißen müssen, "Helmut Schmidt wird schließlich durch ein konstruktives Misstrauensvotum gestürzt, Helmut Kohl wird neuer Bundeskanzler". Wir haben das online geändert. Die Redaktion