Zwei Dinge verbindet man gemeinhin mit dem Namen Antoine Watteau: Er gilt als romantischer Reaktionär und als Erfinder der Fêtes galantes, jener Landschaftsidyllen, auf denen Männer und Frauen in märchenhaften Gefilden einander den Hof machen. Lange deutete man Watteaus Kunst als Ausdruck eines Melancholikers, der einzig in der infantilen Welt des Maskenballs künstlerischen Trost fand. Rokoko wird dieser Stil genannt, ein Begriff, dem etwas Bonbonhaftes anklebt: rosa gepuderte Weltflucht, die geradewegs in den Kitsch führt. Es gibt viele Gründe für den üblen Ruf des Rokokos. Man muss sich jedoch nur ein einziges Bild Watteaus genauer ansehen, um zu begreifen, warum auf ihn keiner dieser Gründe zutrifft.

Eine von Watteaus ersten Fêtes galantes – Die Einschiffung nach Kythera – hängt im Frankfurter Städel, der dem Maler nun, zum ersten Mal seit über 30 Jahren in Deutschland, eine Einzelausstellung widmet. Kythera ist die Liebesinsel, an deren Ufer der Sage nach Venus aus dem Wasser stieg. Watteau malt aber nicht die Insel selbst, sondern eine Art Prozession, die sich von einem bewaldeten Ort zu einer Barke bewegt, die sie zur Liebesinsel bringen soll. Das Gemälde hat man gerne als Rückzug des Rokoko-Menschen aus der Wirklichkeit des frühen 18. Jahrhunderts gedeutet. Es waren die letzten Jahre unter der Herrschaft von Ludwig XIV., der im Alter religiös und biestig wurde und das Leben nicht nur bei Hof verknöchern ließ.

Die stärkste Gegenkultur dazu formierte sich an den Pariser Theatern – zumindest an jenen, die noch nicht geschlossen waren. Dort persiflierte man in den Komödien die gesellschaftlichen Normen, die mit dem Monarchen vergreisten, und versteckte den Spott hinter mythologischen Themen. Zu denen zählte auch der Auszug nach Kythera, der das Schlussbild der Komödie Die drei Cousinen bildete, die 1709, als das Bild entstand, ein Kassenschlager in Paris war. Die Szenen und Figuren jener Stücke sind uns heute nicht mehr geläufig, sie waren es aber für Watteaus Zeitgenossen. Was auf spätere Betrachter wie Nostalgie und Sehnsucht nach dem Ritual wirkt, ist in Wirklichkeit das Gegenteil: ein Bekenntnis zu der progressivsten Kunst der Zeit und die Ablehnung der formelhaften Erstarrung, wie sie von Versailles ausging.

Lebte Watteau heute, im 21. Jahrhundert, er würde vermutlich irgendwas mit Video machen. Vielleicht wären es Filmsequenzen, in denen er Figuren aus amerikanischen Fernsehserien auftreten ließe. Der tragische Held Don Draper aus Mad Men würde kettenrauchend die intrigante Cersei aus dem Fantasy-Reißer Game of Thrones auf einer bunt karierten Picknickdecke im Central Park verführen. Watteaus Bildpersonal gehörte seinerzeit zur bildungsbürgerlichen Popkultur, nur waren es damals nicht die Serienhelden von HBO, sondern die Figuren der Commedia dell’Arte. Und statt der digitalen Prokrastination pflegte man damals eben die galante Konversation.

Antoine Watteau war einer der größten Künstler des 18. Jahrhunderts, aber wir wissen über ihn so gut wie nichts. Geboren 1684 im flämischen Valenciennes als Sohn eines Dachdeckermeisters, mit 18, 19 Jahren nach Paris gekommen und 1721 an Tuberkulose gestorben – das war es mehr oder weniger. Diese biografischen Lücken sind erstaunlich. Denn zu seinen kurzen Lebzeiten rissen sich die Sammler in Paris und London um seine Werke. Und in den 80 Jahren nach seinem Tod erschienen zwar 25 Biografien über Watteau, doch gesicherte Fakten zu seinem Leben gibt es kaum, und auch schriftlich ist nichts hinterlassen. Woraus man schloss, Watteau sei ein wenig mitteilsamer, zurückgezogener Künstler gewesen, ein verträumter Eigenbrötler, der in seiner galanten Märchenwelt lebte.

Die 50 Zeichnungen, die das Frankfurter Städel nun zeigt, bieten 50 Argumente dafür, dass das so nicht stimmen kann. Ob die frühen Theaterskizzen oder die hinreißenden Studien von Figuren der feinen Gesellschaft, immer zeigt sich, dass dieser Künstler keineswegs ein Solitär, sondern ein integraler Teil der großen Pariser Kulturmaschine war. Watteau war sich, wie man an den Zeichnungen von Jagd- und Soldatenszenen sieht, nicht zu schade, flämische Genrebilder zu malen, die man in Paris so liebte; später kopierte er Details von Tizian und Rembrandt in seinen Skizzenblock, um gelehrte Bildzitate aus Werken Alter Meister in seinen Gemälden unterzubringen. Denn von einem Künstler seiner Statur konnte man das eben so erwarten. Watteau wurde von einer Armada von Galeristen und Sammlern gefördert, besonders von Pierre Crozat, damals einer der reichsten Kunstsammler der Stadt und damit der Welt. Durch ihn hatte Watteau Zugang zu den Gesprächen, den Festen und den Häusern der Pariser Elite, wo er sie mit dem Zeichenstift studieren konnte.

Mit dem Rötel, oft auch kombiniert mit Kreide und Grafit, notierte er die Haltung der Personen, prüfte die Wirkung eines ausgedrehten Beins, einer hochgezogenen Schulter, eines Arms, der auf der Lehne ruht. Seine zarten, präzisen Figurenstudien sind nicht nur Meisterwerke der Grafik, sondern auch Lehrstücke über die Psychologie der Pose. Mimik interessierte ihn nicht sonderlich, mag sein, dass das an den zugeschminkten Gesichtern der Epoche lag. Fasziniert hat ihn vor allem die Haltung einer Figur. Vielleicht, weil Watteau aus der Provinz ins mondäne Paris kam und mit einer Mischung aus Assimilationsbedürfnis und soziologischem Interesse die feinen Nuancen der Gestik studierte, durch die sich die sozialen Klassen unterschieden. Und auch wenn uns die Posen heute manieriert vorkommen mögen – man sieht, dass unter der Hülle der Haltung Individuen stecken. Das Leben ist es, das Watteau in seinen Zeichnungen zeigt. Mit Weltflucht hat das nichts zu tun.

Bis zum 15. Januar (www.staedelmuseum.de)