Warum sorgt die Aufklärung für Streit?

Was passiert, wenn sich ein Kultusministerium auf die Fahnen schreibt, dass es bei der Sexualerziehung auch um eine Auseinandersetzung mit sexueller Vielfalt gehen solle, war vor einigen Jahren in Baden-Württemberg zu erleben. Tausende Eltern gingen dort gegen den neuen Bildungsplan auf die Straße. Für Ärger sorgt aktuell auch der neue Lehrplan zur Sexualerziehung in Hessen. Eltern empören sich darüber, dass sämtliche sexuellen Variationen und Identitäten als gleichwertige Lebensformen vermittelt werden sollen und schon Fünft- und Sechstklässler lernen, was Bi- und Transsexualität ist. Dieser Ansatz würde die Kinder eher verwirren und überfordern, als sie aufzuklären, so die besorgten Eltern. Problematisch sei es auch, wenn Lehrer Schwule und Lesben in den Unterricht einladen. Kritiker sprechen von einer Ideologisierung und Frühsexualisierung der Kinder. Für die Befürworter stehen die neuen Bildungspläne für Toleranz und eine veränderte Lebenswirklichkeit.

Gehört die Aufklärung in den Unterricht?

Ja, denn die Kinder sollten bei diesem wichtigen Thema nicht allein auf ihre Eltern angewiesen sein. Die Schule hat den Auftrag, die Familien bei der Sexualerziehung zu unterstützen. Seit 1968 ist die Sexualkunde in Deutschland eine staatliche Erziehungsaufgabe. Sexualität wird im Unterricht nicht nur als biologischer Vorgang erklärt, es geht auch um Schwangerschaft, Familie, Verantwortung und den Schutz vor sexuellem Missbrauch. Weil Eltern zum Teil jedoch befürchten, dass ihre eigenen Norm- und Wertvorstellungen von der Schule nicht geteilt werden könnten, sorgt kein anderes Unterrichtsthema für so viel Misstrauen und Kritik. Bereits 1977 entschied daher das Bundesverfassungsgericht, dass die Sexualerziehung für verschiedene Wertvorstellungen offen sein müsse, die Jugendlichen nicht indoktrinieren dürfe und dass auf religiöse oder weltanschauliche Überzeugungen Rücksicht genommen werden müsse. Das gilt bis heute.

Was genau wird überhaupt unterrichtet?

Die Sexualerziehung beginnt häufig in der vierten Klasse, wird in der sechsten fortgesetzt und in der achten oder neunten Klasse vertieft. Es geht um die Funktionsweise der Geschlechtsorgane, um die körperlichen Veränderungen während der Pubertät, um das erste Verliebtsein, um Verhütung, Geburt, aber auch Geschlechtskrankheiten, sexuelle Identitäten und Lebensformen. Schulen arbeiten viel mit Einrichtungen wie pro familia und donum vitae zusammen. Gerade in den höheren Jahrgängen sind die ausgebildeten Sexualpädagogen als neutrale Instanzen außerhalb der Schule beliebte Gesprächspartner, wenn es um die Fragen der Jugendlichen geht. Pro familia kommt auch an die Schulen und bietet zum Beispiel im Rahmen von Projektwochen individuelle Sprechstunden für Schüler an.

Sind die Lehrer gut genug ausgebildet?

Angehende Lehrer werden während ihres Studiums in der Regel nicht speziell auf den Sexualkundeunterricht vorbereitet. Da in vielen Bundesländern ein fächerübergreifender Ansatz der Sexualerziehung gilt, die Aufklärung also nicht mehr nur Sache des Biologielehrers ist, wird es für viele Pädagogen immer schwieriger, sich vor dem Thema zu drücken. Die Unsicherheit ist groß. Lehrer wissen, dass ihre Schüler über das Internet Zugang zu Pornografie und anderen expliziten Inhalten haben. Oft fragen sie sich: Wissen die Kinder am Ende mehr als wir? Die Ämter für Lehrerbildung bieten Fortbildungen, aber auch Einzel- und Telefonberatung an. Pädagogen können sich dabei über die aktuellsten Unterrichtsmaterialien informieren und sich Rat holen, wie man mit heiklen Situationen und anzüglichen Schülerkommentaren umgeht. In etlichen Bundesländern schreiben die Schulgesetze vor, dass Mütter und Väter im Zuge eines Elternabends darüber informiert werden müssen, mit welchen Inhalten und Methoden die Lehrer den Aufklärungsunterricht planen.

Muten wir den Kindern zu viel zu?

Sexuelle Bildung findet von Anfang an statt, nebenbei, situativ, in der Familie, im Kindergarten. Wann Kinder und Jugendliche aber offiziell mit bestimmten Aspekten der Sexualität konfrontiert werden sollten, darüber gibt es keinen Konsens. Womit man ein Kind überfordern könnte oder seine Schamgrenze verletzt, dazu finden Lehrer in Schulgesetzen, Lehrplänen und Richtlinien kaum Antworten. Für den jeweiligen Pädagogen heißt das, sensibel zu erkennen, was die oft sehr unterschiedlich weit entwickelten Kinder und Jugendlichen bereits verstehen und erfassen können. Die Schulen sollten mit dieser Aufgabe nicht alleingelassen werden. Das Thema bereits im Studium zu verankern und Fortbildungen anzubieten könnte schließlich dazu führen, dass Lehrer Sexualkunde wieder sicherer und selbstbewusster unterrichten.