Schon mal bei Tempo 190 beide Hände vom Steuer genommen und das Auto sich völlig selbst überlassen? Ich wage es – bei guter Sicht, wenig Verkehr und ohne Tempolimit. A 21, auf dem Weg von Plön Richtung Hamburg, linke Spur, das Lenkrad ohne lenkende Hände: 10 Sekunden, 20 Sekunden, 30 Sekunden ..., maximal eine Minute fährt mein Auto völlig automatisiert. Dann poppt auf dem Display ein Warnsignal auf. Ich drücke auf ein Knöpfchen am Lenkrad. Bin noch da!, soll das heißen. Dann geht es mit 190 km/h weiter.

Weder bin ich tollkühn noch lebensmüde. In 43 Jahren Fahrpraxis habe ich noch keinen schweren Unfall verschuldet. Aber ich verlasse mich jetzt voll auf die Technik; dafür muss ich mit vielen englischen Begriffen hantieren: Die neue Mercedes E-Klasse 220d, in der ich sitze, hat das Fahrassistenzpaket "Intelligent Drive", inklusive "Drive Pilot". Zweimal habe ich den kleinen Hebel unterm Lenkrad kurz herangezogen. Ein grün unterlegtes, daumengroßes Lenkradsymbol leuchtete im Display vor mir auf. Heißt: Der Drive Pilot hat das Kommando übernommen. In Sekundenbruchteilen hat das System die Situation analysiert. Stereokamera und Radarsensoren haben die Fahrbahnmarkierung und die Fahrzeuge vor, neben und hinter dem Auto im Blick, signalisieren ihm: alles sicher. In kritischen Situationen, sagen die Ingenieure, reagiere die Technik meist schneller als der Mensch.

Trotzdem. Es ist schon ein komisches Gefühl, sich bei hohem Tempo ganz der Technik zu überlassen. Mein Puls ist deutlich erhöht.

Ich schreibe schon lange über Autos, in all den Jahren habe ich bestimmt mehr als 50 neue Modelle getestet. Bevor ich einstieg, hatte ich vielleicht ein, zwei Fragen, mehr nicht, keine Hemmungen, ich bekam den Schlüssel, dann ging es los. Dieses Mal ist es anders: Noch nie habe ich mich auf eine Testfahrt so gut vorbereitet wie auf diese. Hatte ich mich doch intensiv mit dem tödlichen Unfall eines Tesla-Fahrers einige Wochen zuvor in Amerika befasst. Der hatte bei seinem Model S ein Fahrprogramm namens Autopilot benutzt und war ungebremst unter einen querenden Sattelschlepper gefahren. Hat der Fahrer die Regeln missachtet? Hat die Technik versagt? Noch untersuchen die amerikanischen Behörden den Fall.

Wochen vor der Testfahrt mit dem intelligenten Mercedes mache ich mich auf den Weg nach Sindelfingen, zu Daimler. Dort läuft die neue E-Klasse vom Band. Tausende Ingenieure und Informatiker kümmern sich hier um die Entwicklung der Hightech-Autos. Ich will eine professionelle Einweisung.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 45 vom 27.10.2016

In Sindelfingen geht man zu Fuß von den Büros der Entwickler zu einem eingezäunten Testgelände – "Sim City" nennen das Mercedes-Leute, weil sie hier städtische Verkehrssituationen simulieren können. Ein halbes Dutzend Entwicklungsingenieure wartet auf mich. Angetreten, um die modernste Sicherheitstechnik der neuen E-Klasse zu demonstrieren.

Katharina Kupferschmid macht den Anfang. Die 35-Jährige hat die Systeme mitentwickelt, sie will mir die wichtigsten Funktionen auf der nahen A 81 demonstrieren. Erst bleibt der Drive Pilot aus. Enge Kurven wie bei der Autobahnauffahrt mögen Spurhaltesysteme nicht, lerne ich. Aha! Die Maschine macht den Menschen also noch nicht völlig überflüssig. Dann die Autobahn. Ich bin gespannt. Jetzt soll das "Masterpiece of Intelligence", wie es in der Mercedes-Werbung so schön heißt, zeigen, was es kann. Kupferschmid zieht zweimal an dem Hebelchen an der Lenksäule. "Jetzt ist das System eingeschaltet", sagt sie, nimmt demonstrativ die Hände ein paar Zentimeter vom Lenker und deutet auf das grün unterlegte Lenkradsymbol auf dem Bildschirm vor sich. Die E-Klasse setzt sich brav in die Spur und folgt dem vorausfahrenden Fahrzeug. Die Verkehrszeichenerkennung hat das Tempo-120-Schild erfasst, das Auto hält sich exakt daran. Dann bremst uns ein langsamer Transporter aus. Der typische Mercedes-Fahrer würde jetzt drängeln, denke ich. Nicht so der Automat, der schnelle Mercedes – Höchsttempo: 240 km/h – bleibt brav auf Abstand. Eine klammheimliche Freude keimt in mir auf: Solche Systeme könnten die Spezies der aggressiven Fahrer irgendwann aussterben lassen.