Glatt rasiert war gestern. Der neue Trend beim österreichischen Bundesheer heißt Bart. Blonde und schwarze Gesichtsbehaarung, Kinn-, Koteletten- und sogar durchgestylte Vollbärte sprießen in den Gesichtern der Soldaten, die zwischen Panzern, Militärhubschraubern und Aufklärungsfahrzeugen rund um das Wiener Burgtheater Stellung bezogen haben. Schon Tage vor dem Nationalfeiertag präsentiert sich das Heer in der Herbstsonne. Geht es nach Verteidigungsminister Hans Peter Doskozil, dann soll der soldatische Stolz der Nation in Zukunft nicht nur bei der jährlichen Leistungsschau strahlen. Am Heldenplatz plant der sozialdemokratische Soldatenvater ein Heldendenkmal für gefallene Angehörige des Bundesheeres – einer Armee, die er dank Aufrüstung und Kompetenzausbau zu ungeahnter Größe bringen will.

Auf dem undankbarsten Regierungsposten im lange nur mit weiteren Einsparungen bedachten Armeeressort hat Doskozil die Gunst der Stunde geschickt zu nutzen gewusst. Im Gefolge der Flüchtlingskrise ist der Ruf nach Sicherheit unüberhörbar geworden, und der ehemalige Landespolizeidirektor des Burgenlandes instrumentalisierte ihn, um das zu erreichen, wovon in den vergangenen Jahren keiner zu träumen wagte: Das Bundesheer, dem zunehmend selbst für Fahrzeugsprit das Kleingeld fehlte, bekommt jetzt mehr Budget, mehr Personal – und einen neuen Stellenwert. Das bringt der unlängst noch belächelten Schrott-Armee gesteigertes Ansehen und dem Krisengewinnler Doskozil erhöhte Popularität.

Dem roten Minister geht es vor allem um mehr Kompetenzen für Soldaten im Inland. Dazu gehört die Bewachung von Botschaften und von kritischer Infrastruktur ebenso wie der Einsatz an Kontrollsperren, wenn wieder eine größere Flüchtlingswelle an den Landesgrenzen anbranden sollte. Bisher war das nur im Rahmen einer Assistenzleistung möglich, das Kommando lag bei der Polizei. Jetzt sollen daraus originäre Aufgaben für das Militär werden.

"Die Bedrohungen in und für Österreich haben sich verändert", heißt es in einem Werbevideo für Österreichs neue Volksarmee, das den Paradigmenwechsel erklären will. Sirenengeheul unterlegt düstere Nachrichtenbilder von den Terroranschlägen in Nizza, Brüssel und Paris. "Auch die illegale Einwanderung stellt uns vor neue Herausforderungen", warnt die Sprecherin, während im Bild Menschenmassen nachts gegen Absperrungen drücken. Kritiker warnen bereits vor dem Umbau des Heers zu einer schweren Polizei, und Juristen befürchten, die Verfassung könnte aufgeweicht werden. Eine Änderung des Grundgesetzes im Parlament erwartet das Ministerium trotzdem "eher in Tagen oder Wochen als in Monaten".

Die Debatte über den künftigen Charakter der österreichischen Streitkräfte hat in der Öffentlichkeit kaum noch begonnen, doch der Umbau ist bereits in vollem Gang. Das Verteidigungsbudget wurde aufgestockt, in die marode Infrastruktur und teils klägliche Ausstattung soll wieder kräftig investiert werden. Zugleich bekommen die Streitkräfte eine neue Führungsstruktur – und fast 10.000 zusätzliche Stellen.

Nicht allen gefällt die Idee einer Armee, die im Inneren von sich aus aktiv wird

Stolz führt Georg Pferschy, ein junger Major mit perfektem blonden Seitenscheitel, durch die Montecuccoli-Kaserne im Südburgenland. Pferschy, zuständig für Personalfragen beim hier stationierten Jägerbataillon 19, schwärmt erst von den idealen Übungsbedingungen zwischen Fußballfeld und Handgranatenwurfstand. Dann lobt er die Architekten, die den Speisesaal in eine gläserne Auskragung gesetzt haben, um den Postkartenblick auf die Burg Güssing freizugeben. 211 Berufssoldaten gehören zu der Einheit in der erst vor wenigen Jahren neu eröffneten Vorzeigekaserne. In zwei Jahren sollen es 370 sein. Deshalb schaltet man Jingles im burgendländischen Radio, Spots im regionalen Fernsehen und Inserate in der Lokalzeitung. Die Truppe präsentiert sich auf Jobmessen und AMS-Veranstaltungen, an den langen Einkaufsdonnerstagen im Sommer standen Soldaten mit zwei Radpanzern in der Fußgängerzone von Fürstenfeld. Zudem gibt es im ersten Stock der Kaserne seit September ein Servicebüro, in dem zwei Mitarbeiter potenzielle Rekruten beraten.