Wolfgang Schäuble war schon mal fast Kanzler, beinahe Bundespräsident und hat es zwischendurch nicht einmal zum CDU-Kandidaten für das Amt des Berliner Bürgermeisters geschafft. Heute ist er ein zentraler Akteur im Kabinett von Angela Merkel – und der zweitbeliebteste Politiker des Landes. Populärer als Schäuble ist nur Frank-Walter Steinmeier. Jener Mann, der einst als Kanzlerkandidat das schlechteste SPD-Ergebnis bei einer Bundestagswahl einfuhr und heute als Außenminister neben Merkel den wachsenden politischen Einfluss Deutschlands in der Welt verkörpert. Schäuble und Steinmeier: zwei Verlierer, die ganz oben stehen.

Die SPD wünscht sich erklärtermaßen Steinmeier als nächsten Bundespräsidenten – und weite Teile der CDU wünschen sich unerklärtermaßen Schäuble. Antreten würden beide aber nur, so heißt es, wenn sie es auch sicher würden. Eine Niederlage beschädigte den einen wie den anderen. Dieses Argument widerlegen der Werdegang der beiden, ihr Rang, ihre Reputation, ihr Einfluss. Nicht Schäuble oder Steinmeier sollte daher als Bundespräsidenten-Kandidat antreten, sondern beide. Und Winfried Kretschmann von den Grünen noch dazu.

Das Wohnrecht im Schloss Bellevue wird zu einer Zeit neu vergeben, die geprägt ist von anschwellender Elitenverachtung. Von den Rändern her frisst sie sich in die Mitte der Gesellschaft hinein. Der Präsidentenwahl und mehr noch der Auswahl der Kandidaten wächst daher eine Bedeutung zu, die über den eigentlichen Anlass hinausweist. Nicht weil da, wie gern behauptet, Signale für die nächste Bundestagswahl gesendet würden. Sondern weil die Politik jetzt beweisen kann, ja beweisen muss, dass sie nicht so funktioniert, wie die wachsende Zahl ihrer Verächter es darstellt.

Wirksame Mittel gegen den Stimmungsmix aus Verachtung und Denunziation sind Qualität und Transparenz. Für die Kandidatenauswahl darf es daher nur ein Motto geben: den besten Kopf für das höchste Amt.

Treten Steinmeier, Schäuble, Kretschmann an – aus Sicht von SPD, Union und Grünen der jeweils beste Kopf –, so hat dies mehrfach durchschlagende Wirkung. Es verhindert, erstens, dass die große Suche nach einem überparteilichen Kandidaten mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner endet. Es stellt, zweitens, größtmögliche Transparenz her, da die Bewerber klar zu verorten sind und erklären müssen, mit welchen Ideen, mit welchem Selbstverständnis sie ihre Aufgabe angehen wollen. Ein solcher Wettstreit schadet übrigens nicht, wie oft vorgetragen, der Würde des Amtes. Er macht die Essenz des Demokratischen aus. Und drittens garantiert es, dass der neue Präsident ein eigenes, das womöglich wirksamste Mittel gegen die populäre Verachtung von "denen da oben" einbringt: seine Beliebtheit. Aus einem solchen Rennen gingen nicht ein Sieger und zwei Verlierer hervor. Sondern ein neuer Präsident und zwei bewährte Politiker, die sich um ihr Land verdient gemacht hätten.

Dafür müssten aber die Beteiligten ihre antrainierten Reflexe abstellen. Die Politiker den Feigheitsreflex, nur sichere Siege einfahren zu wollen. Und die Medien ihren Empörungsreflex. Wer will, dass sich die besten Köpfe um das höchste Amt bewerben, muss ihnen auch dann mit Respekt begegnen, wenn sie ihr Ziel nicht erreichen. Sie wegzuschreiben ist fahrlässig. Unten im Keller sitzt keine zweite politische Klasse, bei der man sich im Bedarfsfall bedienen kann.

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