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Eine gemeinsame Wallfahrt der katholischen und evangelischen Bischöfe ins Heilige Land hat ein Zeichen gesetzt. Wir christlichen Kirchen brauchen nicht den Eigensinn und die Rechthaberei, mit denen wir den Menschen den Blick auf Gottes Größe und Barmherzigkeit verstellen. Die Kirche ist ökumenisch, oder sie ist nicht Kirche!
Hans-Jochen Jaschke, Weihbischof

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Ich habe bei der Konfrontation mit Menschen, die hassen, begriffen: Christlich ist, sich dem Hass zu stellen, gerade auch dem, der sich gegen einen selbst richtet. Und sich dabei nicht vom Hass anstecken zu lassen.
Klaus Mertes, Jesuit, Schulleiter

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Christentum ist keine Seelenwellness. Paulus erklärt, dass Gott gleich einem Töpfer das Recht habe, aus seinem Ton – sprich: uns – zu machen, was er will: Tafelgeschirr oder Nachtgeschirr. Welch krasse Beleidigung menschlicher Autonomie und Würde! Doch nur solch krasses Christentum kann uns Selbstgefälligen Stachel im Fleische sein. Honig schmiert uns der Zeitgeist schon genug ums Maul.
Thea Dorn, Schriftstellerin

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Als ehemaliger Christ, heute Atheist, kenne ich das Spektrum des Glaubens. Was christlich ist, ist relativ. Homophobie (1. Kor. 6, 9; Tim. 1,9), Sexismus (1. Kor. 14, 34) und die Ausgrenzung Andersdenkender (Mat. 10, 35) sind fundamentale christliche Werte. Ich wünsche mir ein Christentum, das sich von seinen Ursprüngen emanzipiert.
Misha Vérollet war Zeuge Jehovas und schrieb das Buch "Goodbye, Jehova!"

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Eine Gesellschaft, die mit ihren kulturellen, auch religiös begründeten Traditionen ihre eigene Identität pflegt, kann dem Fremden Raum geben, ohne sich bedroht zu fühlen. Wir sollten deshalb den Mut haben, uns auch unter Andersdenkenden selbstbewusst zu christlichen Werten zu bekennen.
Monika Grütters, Kulturstaatsministerin

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Jesus Christus sagte seinen Nachfolgern zu: "Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen." Das Christentum braucht gerade heute die weltweite und konfessionsüberschreitende Gemeinschaft der Kirchen. Leider gibt es noch krampfhaftes Bemühen um konfessionelle Abgrenzung. Luther hat in vier großen soli- Sätzen gesagt, wodurch wir erlöst sind: solus christus, sola gratia, sola scriptura, sola fide. Ich möchte ein aktuelles solus hinzufügen: solus communis, "allein in Gemeinschaft". Nur in Gemeinschaft mit Christus gründet sich Kirche, und nur so können wir das Christentum leben.
Nikolaus Schneider war Ratsvorsitzender der EKD

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Egal, wo ich in meinem Leben hingekommen bin (neue Stadt, neues Land, anderer Kontinent), in christlichen Gemeinden habe ich mich immer sofort zu Hause gefühlt. Christlicher Glaube ist für mich, Heimat in der ganzen Welt zu finden.
Sarah Schaschek, Redakteurin ZEIT LEO

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Reformation heißt Transformation: Umkehr vom herrschenden Optimierungswahn mit seinen ausbeuterischen Kehrseiten, hin zu einem menschlichen Maß. Das bedeutet: Ja zu Grenzen, zu Fehlern, zu Genügsamkeit; Ja zu Gott, der mich freundlich von Selbstvergötterung befreit.
Ilse Junkermann, evangelische Landesbischöfin in Mitteldeutschland

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Christen sollten lernen, wie inspirierend Pfingsten ist, in vielen Sprachen reden, verstehen, Brücken bauen. Sie erkennen dann auch, dass das Christentum ungeeignet ist für jede Form der Abschottung und dass sie sich nur fürchten müssen, wenn sie nicht mehr das leben, wovon sie überzeugt sind; nicht mehr sagen, was ihnen heilig ist; und als Christen nicht zueinander finden.
Annette Schavan, deutsche Botschafterin beim Heiligen Stuhl

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Und meine ungläubigen Lippen beten voller Inbrunst / Zu Mensch, dem Gott all meiner Gläubigkeit." Mein lebenslängliches Credo, so singe ich es im Großen Gesang. Menschen, an die einer wie ich glaubt, sind wunderbar verschieden. Aber gleich sind sie auch. Jedoch nur in ihrer Gleichheit vor dem Gesetz. Juden und Christen haben diese Egalität mit den Zehn Geboten festgeschrieben. Das garantiert eine lebendige Demokratie.
Wolf Biermann, Liedermacher

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Das Reformationsgedenkjahr hilft uns, das Christentum im Land zu stärken. Wir feiern dieses Jubiläum anders: Früher neigten wir zur Abgrenzung voneinander und damit zu einer überhöhten Selbsteinschätzung. Jetzt sind auch wir Katholiken mit eingeladen, können vieles sogar mitgestalten. Wir Christen haben den Mut, unser Versagen einzugestehen. Dies darf nicht zu einer neuen Selbstgefälligkeit führen. Wir brauchen in dieser zerschundenen Welt Offenheit, um tiefe Wunden zu heilen, vor allem durch Aufrichtigkeit, Solidarität und Barmherzigkeit.
Karl Lehmann, Kardinal

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"Ein rechter Christ sei, so Martin Luther, 'fröhlich, trotzig und lustig gegen Gott und alle Kreaturen''– wunderbar! Und das möglichst ohne Teufelsangst, Grobianismus und antirömischen Affekt."
Johannes zu Eltz, Stadtdekan in Frankfurt am Main

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"Sind die auch christlich?", fragen meine Kinder mich, wenn sie im Alltag Menschen treffen, die schon mal im Gottesdienst waren. Im säkularisierten Osten Deutschlands ist Christlichsein nicht selbstverständlich. Und man erkennt Christen deutlicher: an ihrem Engagement und weil sie jederzeit auskunftsfähig sein müssen über den eigenen Glauben.
Kathrin Oxen leitet das Zentrum für Predigtkultur in Wittenberg

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Das Luther-Jahr führt uns zur kritischen Selbstbefragung: Wie hältst du’s mit dem kulturellen Erbe der Reformation? Mit dem Glauben? Und auch: mit dem Nachbarn, dem Fremden? Ich hoffe, dass wir im anderen zuallererst den Menschen sehen. Und dass in den zu uns kommenden Muslimen vor allem der gläubige und friedliche Zeitgenosse gefunden werden kann.
Bodo Ramelow, Ministerpräsident, Thüringen

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Christlich ist es, der altruistischen Seite eine Chance zu geben. Wir alle tragen sie in uns, doch viele gestehen sich das nicht ein, begrenzen das Kümmern auf Familie oder Freunde. Doch das Wohl des anderen zu verfolgen ist ein menschlicher Ansporn, genau wie Egoismus und Konkurrenzstreben. Wir sollten ihn zulassen, entwickeln, ausbauen.
Uwe Jean Heuser, ZEIT-Ressortleiter Wirtschaft

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Fliehende an den Grenzen, Armutsexplosionen, politische Schwelbrände – jeden Tag ist zu sehen, was und wer barmherzig ist. Seinen Reichtum teilen, also christlich leben – es ist offensichtlich, dass man dazu nicht Christ sein muss. Es reicht schon, wie Buddha und Gandhi zeigten, ein uneitler, anständiger und mutiger Mensch zu sein.
Susanne Mayer, Kulturreporterin der ZEIT

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Für mich als Katholik ist Luther heute kein Gegner. In einem hatte er auf jeden Fall recht: Die Kirche muss die Sprache des Volkes sprechen. Dann wird die Botschaft des Evangeliums auch verstanden. Ihm ging es um den Glauben, nicht um Befindlichkeiten. Luther war übrigens Katholik.
Jens Spahn, Staatssekretär im Bundesfinanzministerium

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Das Christentum ist die Religion der Nächstenliebe. Eine Gesellschaft, die in erster Linie auf Eigenliebe und Egoismus setzt, in der Reichtum ebenso erblich ist wie Armut, in der die profitabelsten Konzerne die niedrigsten Steuern zahlen, während viele Menschen trotz harter Arbeit nicht mehr zu wirklichem Wohlstand gelangen, ist nicht nur ungerecht, sondern auch unchristlich. Sie muss verändert werden.
Sahra Wagenknecht, Oppositionsführerin Die Linke

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Der Finsternis das vorletzte Wort lassen.
Elisabeth von Thadden, ZEIT-Redakteurin im Feuilleton