Angela Rinn ist habilitierte evangelische Theologin, Mitglied der EKD-Synode und Pfarrerin in Mainz-Gonsenheim. Unter dem Namen Vera Bleibtreu schreibt sie Krimis. © Harald Oppitz/​KNA

Diese Woche hatte ich einen Danke-Tag. Für mich war das in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Zunächst einmal, weil es wirklich ein Tag voller Dankesbekundungen war, von morgens bis abends. Ein Dankeschön von Zeit zu Zeit kommt ja vor, aber den ganzen Tag mehrfach? Nach dem vierten "Danke" habe ich tatsächlich überlegt, ob mir der HERR damit etwas sagen will. Ihm ist ja aus eigener Erfahrung bekannt, wie wenig selbstverständlich ein Dankeschön ist. Im Lukasevangelium findet sich die Geschichte von zehn Aussätzigen, von denen sich nach ihrer Heilung nur einer bei Jesus bedankt. Das hat Jesus schon damals nicht gefallen. Möglicherweise war es also das höhere Ziel, dass ich mir solche schönen Situationen auch einmal länger merken sollte. Denn bedauerlicherweise kann ich mir unangenehme Situationen oft noch nach Jahren problemlos in Erinnerung rufen, aber freundliche Rückmeldungen vergesse ich viel zu schnell.

Da hilft es wenig, dass ich damit nicht alleine stehe, es ist ja erwiesen, dass das menschliche Gedächtnis so funktioniert: Positives wird rasch vergessen, schlechte Erfahrungen dagegen behält man. Insofern kann sich der HERR auch nicht über mich beschweren, schließlich bin ich ein Geschöpf, und Gott hat sich wahrscheinlich etwas dabei gedacht, als er das menschliche Gehirn so geschaffen hat. Leider kann ich im Rückblick auch schon nicht mehr alle Situationen aufzählen, bei denen an meinem Danke-Tag Menschen zu mir "Danke" gesagt haben, das muss ich beschämt zugestehen.

Ich weiß, da war noch etwas am späten Vormittag, aber es will mir einfach nicht mehr einfallen. Woran ich mich erinnere: Ich hatte Notfallseelsorge-Bereitschaft und zwei Einsätze. Nach dem ersten haben sich die Menschen, die ich betreut habe, bei mir ganz herzlich bedankt, nach dem zweiten Einsatz der Polizist, der mich angefordert hatte. Dann hat eine Angehörige bei mir angerufen und sich bei mir für meine Begleitung bei der Beerdigung ihres Vaters bedankt; mein Physiotherapeut meinte, er würde mir gern einmal sagen, wie wichtig er es findet, dass es Pfarrer und Pfarrerinnen gibt, und er wolle mir einfach mal "Dankeschön" sagen; mein Sohn hat angerufen und sich für die Postkarte bedankt, die ich ihm aus dem Urlaub geschickt hatte; dann habe ich im Supermarkt an der Kasse jemanden vorgelassen. Ich habe richtig körperlich gespürt, wie mich mein Danke-Tag in Schwung gebracht hat. Die Laune stieg von Danke zu Danke; trotz der schwierigen Notfall-Einsätze fühlte ich mich nicht erschöpft, sondern mehr und mehr energiegeladen, und das strahlte sogar auf den nächsten Tag aus, an dem die Serie riss und mir meine Nachbarin mitteilte, dass sie aus der Kirche ausgetreten ist.

Mein Tipp für alle, die auch einmal eine warme Danke-Dusche brauchen: einfach zum nächsten Supermarkt gehen und jemanden an der Kasse vorlassen. Oder wieder mal eine Postkarte schreiben.